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Der renommierte Wikingerexperte Neil Price, Professor an der Universität in Uppsala, Schweden, hat eine seiner spannenden und extrem unterhaltsamen (Online-)Vorlesungen zur Wikingerzeit bei Youtube hochgeladen. Die auf Englisch gehaltene, sehr anschaulich illustrierte Vorlesung kann hier angesehen werden. Absolute Empfehlung für alle, die an einem tiefergehenden Verständnis der Wikingerzeit interessiert sind (und vor akademischem Englisch nicht zurückschrecken).

Liebe Wikingerbegeisterte,

seit Ende letzten Monats ist das neueste von mir herausgegebene Buch zu den Wikingern erhältlich. 'Die Wikinger. Seeräuber und Krieger im Licht der Archäologie', erschienen als Sonderheft der Archäologie in Deutschland und als gebundenes Buch bei WBG, widmet sich der kriegerischen Seite der Wikinger.

Die richtige Antwort lautet natürlich 'Lindisfarne'. Vielen herzlichen Dank für die vielen Antworten!

Anlässlich des heutigen internationalen Frauentages möchte ich gerne zwei große Pionierinnen unseres Faches vorstellen, welche die Archäologie maßgeblich geprägt haben.

Johanna Mestorf, die erste Professorin Preußens

Beginnen möchte ich mit Johanna Mestorf (geb. 17.04.1828 in Bramstedt, Schleswig-Holstein, gest. 20.07.1909 in Kiel), einer der ersten Frauen in der prähistorischen Archäologie und der ersten Frau in Deutschland, die den Titel ‚Professor‘ verliehen bekam.

Johanna Mestorf, Foto von 1909.
© Gemeinfrei

Johanna Mestorf begann bereits früh damit, sich neben ihrer eigentlichen beruflichen Tätigkeit umfassende archäologische Fachkenntnisse anzulesen und übersetzte wichtige skandinavische Publikationen zur Archäologie ins Deutsche. Neben den klassischen Bildungssprachen wie Französisch und Italienisch sprach sie in Folge eines längeren Aufenthaltes in Schweden auch Dänisch, Norwegisch und Schwedisch. Darüber hinaus verfasste sie eine große Menge an Aufsätzen zu verschiedenen archäologischen Themen.

Ab 1868 arbeitete sie, zuerst ehrenamtlich, dann ab 1873 als Kustodin und schließlich ab 1891 als Direktorin am Kieler Museum vaterländischer Alterthümer, dem Vorgänger der heutigen Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf‘ und des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Kieler Universität. In Folge ihrer wegweisenden Arbeit für die prähistorische Archäologie wurde ihr 1899 von Kaiser Wilhelm II. der Titel als Professor verliehen – eine kaum hoch genug einzuschätzende Würdigung ihrer Leistungen: Frauen durften zu dieser Zeit eigentlich noch gar nicht studieren und erst zwanzig Jahre später das Recht erhielten, zu habilitieren.

Mehr zu Johanna Mestorf gibt es hier:

Dagmar Unverhau: Ein anderes Frauenleben. Johanna Mestorf (1828–1909) und "ihr" Museum vaterländischer Altertümer bei der Universität Kiel. 3 Bände. Kiel: Wachholtz 2015.

Julia K. Koch & Eva-Maria Mertens (Hrsg.): Eine Dame zwischen 500 Herren. Johanna Mestorf – Werk und Wirkung (= Frauen – Forschung – Archäologie Band 4). Münster: Waxmann 2002.

Greta Arwidsson – 'Forngreta' und die Grundlagen der modernen wikingerzeitlichen Archäologie

Die zweite große Pionierin der Archäologie war die Schwedin Greta Arwidsson (geb. 05.07.1906 in Uppsala, gest. 31.01.1998 in Stockholm), deren Forschung für die wikingerzeitliche Archäologie von unermesslichem Wert ist.

Greta Arwidsson (rechts) und Holger Arbman 1943 bei der Ausgrabung der Garnison von Birka.
© ATA/RAÄ

Greta Arwidsson wuchs in einer wissenschaftlich interessierten Familie auf, beide Eltern waren für das Nordiska Museet, das kulturgeschichtliche Museum in Stockholm, tätig. Sie begann 1924 ein Studium an der renommierten Universität in Uppsala und belegte dabei auch Kurse in ‚Nordischer Archäologie‘ bei Prof. Sune Lindqvist. Unter dessen Leitung nahm sie an der Ausgrabung der Bootsgräber von Valsgärde teil, über die sie 1942 promovierte. Nach ihrem Studium arbeitete sie erst am Gustavianum, der Sammlung der Universität Uppsala, am Statens Historiska Museum in Stockholm sowie als Dozentin an der Universität Uppsala.

Nach dem Krieg wurde sie landsantikvarie (etwa leitender Bodendenkmalpfleger) auf Gotland – als erste Frau, die in Schweden eine Stelle als landsantikvarie erhielt – und Leiterin des Museums Gotlands Fornsal, ein Karriereschritt, der ihren Ruf nachhaltig prägte. In ihren zehn Jahre auf Gotland setzte sie sich, zumeist unterwegs auf einem Fahrrad, so unermüdlich für die lokale Archäologie ein, dass sie von den Einheimischen nur Forngreta (‚Altertums-Greta‘) genannt wurde (und ich durfte selbst bereits mehrfach mit der hervorragenden Dokumentation aus ihrer Hand arbeiten). 1956 wurde sie – als erste Frau in Schweden – in Nachfolge von Mats P. Malmer zur Professorin für ‚Nordische und vergleichende Archäologie‘ an der Universität Stockholm ernannt.

Greta Arwidsson ist untrennbar mit der schwedischen Archäologie verbunden. Ihre Publikationen zu den Ausgrabungen in Valsgärde und Birka bilden das Rückgrat der Erforschung der Wikingerzeit und sie hat mit der Einrichtung des Osteologiska forskningslaboratoriet (dem anthropologischen Forschungslabor) und des Arkeologiska forskningslaboratoriet (dem archäologischen Forschungslabor) das archäologische Institut der Universität Stockholm bis heute maßgeblich geprägt.

Zu Greta Arwisson gibt es eine neue Biographie, geschrieben von ihrer langjährigen Freundin, der Archäologin Prof. Birgit Arrhenius:

Birgit Arrhenius: Forngreta. en biografi om Greta Arwidsson, den första kvinnan som blev landsantikvarie och professor i arkeologi. Stockholm: Bokförlaget Langenskiöld 2019.

Nun endlich ist – wieder einmal verzögert durch Covid-19 – die Festschrift zum 65. Geburtstag meines großen wissenschaftlichen Vorbildes, Mentors und Freundes Prof. Dr. Dr. Rudolf Simek erschienen!

Das kompette, über 700 Seiten starke Werk mit dem Titel 'Res, Artes et Religio: Essays in Honour of Rudolf Simek' kann auf der Seite des Verlages kostenfrei eingesehen und heruntergeladen werden. Mein Aufsatz, in dem ich die Figur des Zwerges der altnordischen Mythologie und Literatur mit dem archäologischen Befund von Kleinwüchsigkeit vergleiche, kann hier direkt heruntergeladen werden.

In dem jüngst von mir herausgegebenen Sonderheft 'Die Wikinger. Seeräuber und Krieger im Licht der Archäologie' der 'Archäologie in Deutschland' haben wir einige der ebenso ein- wie ausdrucksvollen Rekonstruktionszeichnungen des dänischen Künstlers Flemming Bau verwendet. Leider ist dabei nicht vermerkt worden, dass einzelne Abbildungen ursprünglich für die monumentale Auswertung des Fundmateriales von Haithabu durch Prof. Dr. Kurt Schietzel 'Spurensuche Haithabu. Archäologische Spurensuche in der frühmittelalterlichen Ansiedlung Haithabu : Dokumentation und Chronik 1963-2013' angefertigt wurden.

Es ist mir jedoch ein besonders wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass diese Zeichnungen – wie bspw. die Transportszene auf S. 80 –, die das Buch 'Spurensuche Haithabu' so anschaulich machen, nach den Ideen von Prof. Schietzel enstanden sind.

Unter Publikationen ist nun eine Reihe von populärwissenschaftlichen Artikel aus der 'Archäologie in Deutschland' als pdf abrufbar, bspw. zu der Etablierung der Kiewer Rus oder der Kolonialisierung Grönlands, Frauen und Waffensymbolen, zu Tattoos und anderen Körpermodifikationen oder zu Katzen in der Wikingerzeit.

Heute mache ich einmal etwas Werbung: In naher Zukunft erscheint das neueste Werk meines Kollegen und guten Freundes Leszek Gardeła. In einer umfangreichen Monographie analysiert er – als Ergebnis seiner langjährigen und interdisziplinären Studien – die möglichen Verknüpfungen von Frauen mit Kampf und Krieg in der Wikingerzeit. Wie häufig treten tatsächlich Waffen in wikingerzeitlichen Frauengräbern auf, welche Rückschlüsse lassen sich daraus auf die Rolle der Frau in der Wikingerzeit ziehen und welche Informationen lassen sich aus Mythologie und altnordischer Sagaliteratur gewinnen?

Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, das gesamte Manuskript im Endstehungsprozess lesen und mit Leszek diskutieren zu dürfen und freue mich daher, verkünden zu können, dass es sich dabei um die bislang sicherlich umfangreichste und am besten recherchierte Abhandlung zu diesem komplexen Thema handelt.

Das Buch wird ab Juli bei Oxbow bestellbar sein.

Unter Artikel findet sich nun ein Text zu Waffen und Kriegssymbolik in der wikingerzeitlichen Frauentracht, den mein guter Freund und Kollege Leszek Gardeła und ich vor einiger Zeit für die 'Archäologie in Deutschland' geschrieben hatten.

Eine neue Theorie zu der symbolischen Bedeutung der Schiffsgräber in der Vendel- und Wikingerzeit wurde vor Kurzem von dem norwegischen Archäologen und Schiffsexperten Jan Bill, Professor für Archäologie der Wikingerzeit an der Universität Oslo und Kurator des Wikingerschiffsmuseums, vorgeschlagen.

Ausgehend von zwei Passagen in dem angelsächsischen Heldenepos Beowulf bringt Bill in einem Kapitel in dem Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 'Rulership in 1st to 14th Centrury Scandinavia' (hier kostenfrei als pdf einsehbar) die Schiffsbestattungen vom 7.–9. Jahrhundert mit einem mythischen Herkunftsmythos des dänischen Königshauses in Verbindung, der für das Selbstverständnis und möglicherweise auch die Legitimierung der vorchristlichen Herrscher von Bedeutung gewesen sein könnte.

Erste Seite der einzigen überlieferten Handschrift des Beowulf im Nowell Codex (Cotton Vitellius A.x.v. 129 r.), British Library.
© British Library/gemeinfrei

Das titellose und heute nach dem Helden Beowulf (Bienen-Wolf, eine poetische Umschreibung – kenning – für ‚Bär‘, nach anderen Quellen auch Beadowulf, ‚Kriegs-Wolf‘) benannte Epos ist der bedeutendste angelsächsische Text und sicherlich eines der prägendsten Heldenepen der Geschichte. Es wurde vermutlich im 8. Jahrhundert komponiert, möglicherweise basierend auf einer noch älteren Fassung, ist aber nur durch eine einzige Kopie aus dem frühen 11. Jahrhundert überliefert. Das in einem westsächsischen Dialekt in angelsächsischen Stabreimen verfasste Gedicht schildert in zwei Teilen die Erlebnisse des gautischen (aus dem Bereich des heutigen Götaland im mittleren Südschweden) Helden Beowulf. Dieser reiste mit einer Schar seiner Gefährten an den Hof des dänischen Königs Hrothgar, um diesem dort im Kampf gegen das Ungeheuer Grendel beizustehen, das die Halle des Königs heimsucht. Nach dem Sieg über Grendel und dessen Mutter kehrt Beowulf nach Götaland zurück und erringt dort die Krone. Sein Reich wird jedoch von einem Drachen bedroht, dem er sich im Kampf stellen muss. Zwar besiegt Beowulf den Drachen, wird jedoch von diesem tödlich verwundet.

Zentral für die von Bill vorgeschlagene Theorie ist die Beschreibung von Skjöld (im Beowulf als Scyld Scefing), dem legendären Stammvater der dänischen Skjöldungen-Dynastie. Skjöld ist auch aus mehreren späteren Quellen bekannt – darunter Snorri Sturlusons Edda und der ebenfalls von ihm verfassten Ynglinga saga in der Heimskringla, der Geschichte der norwegischen Könige, oder aus Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum. Im Beowulf wird beschrieben, wie Skjöld als Kind in einem Schiff und ausgestattet mit wertvollen Waffen an den Küsten Dänemarks angetrieben und vom dänischen König adoptiert wird. Als Erbe des dänischen Herrschers begründet dieses fremde und dem Mythos nach direkt vom Gott Odin abstammende Kind somit eine neue Königsdynastie. Auch bei seiner Bestattung spielt das Schiff wieder eine zentrale Rolle: Auf seinen eigenen Wunsch wird sein Leichnam, wieder mit seinen Waffen, in einem Schiff auf das Meer hinausgeschoben und verschwindet in den Fluten.

Das Schiffsgrab von Gokstad am Oslofjord bei der Ausgrabung 1880 als eines der eindrucksvollsten Beispiele für wikingerzeitliche Schiffsbestattungen.
© Kulturhistorisk Museum/UiO 2020; CC BY-SA 4.0

Der Mythos dieses fremden und von den Göttern abstammenden Herrschers war, wie die späteren Quellen nahelegen, von großer Bedeutung für das Selbstverständnis und die Legitimität der dänischen Könige in der vorwikingerzeitlichen Vendelzeit und der frühen Wikingerzeit. Der durchaus überzeugenden Theorie von Jan Bill nach könnten die Schiffsbestattungen als Aufgriff dieses Mythos gedeutet werden: Durch die Bestattung in einem Schiff sollte die Abstammung von dem legendären Gründervater Skjöld und damit die eigene Legitimität als Herrscher verdeutlicht werden.

Seit gestern ist das neue Sonderheft der Archäologie in Deutschland zu Krieg und Gewalt in der Wikingerzeit als Paperback erhältlich, die gebundene Ausgabe folgt nächste Woche.

Ich bin enorm glücklich über das tolle Ergebnis! Das Heft – so man das bei fast 140 Seiten und etwa 1,5 cm Stärke überhaupt so nennen darf – enthält zwei Dutzend spannende und interessante Texten zu unterschiedlichsten Aspekten von Krieg und Gewalt in der Wikingerzeit von einem Dutzend Wissenschaftlern und über 100 Illustrationen.

Es war toll, neben einigen altbekannten Freunden und Bekannten auch mit neuen Kollegen zusammenarbeiten zu können und deren Forschungen präsentieren zu dürfen!

Ich bedanke mich daher ganz herzlich bei allen Beteiligten, besonders bei den Autoren – Klas Wikström af Edholm, Leszek Gardeła, Kamil Kajkowski, Thorsten Lemm, Kerstin Odebäck, Sigmund Oehrl, Ben Raffield, Tobias Schade, Rudolf Simek, Dirk H. Steinforth und Sixt Wetzler – sowie bei der Redaktion der Archäologie in Deutschland und der WBG, ganz besonders bei Annine Fuchs und Holger Kieburg für die großartige Unterstützung und das Engagement!