In der medialen Darstellung der Wikingerzeit – in Kinofilme, Fernsehsendungen und Romanen – findet sich meist an der ein oder anderen Stelle auch eine dramaturgisch effektvoll eingefügte Liebesszene oder gar ein ganzer romantischer Plot zwischen zwei Charakteren. Wieviel Platz gab es aber in der skandinavischen Wikingerzeit tatsächlich für romantische Liebe? Konnten Ehen auch durchaus Liebesheiraten sein oder waren es ausschließlich aus sozio-politischen Gründen arrangierte Vernunftsehen, die von den Familien beschlossen wurden und unter denen einer oder sogar beide Ehepartner zu leiden hatten?
Aus der Wikingerzeit selber haben wir kaum sichere Quellen, um diese Frage zu beantworten. Zeitgenössische Runeninschriften, vermutlich auf die Wikingerzeit zurückreichende Gesetzestexte und der Bericht eines arabischen Reisenden über die Frauen in Haithabu legen nahe, dass Frauen sich unter bestimmten Umständen von ihrem Mann scheiden lassen konnten und auch alleine – als Witwe oder nach einer Scheidung – einen Hof führen konnten. Tiefere Einblicke in das Gefühlsleben der Wikingerzeit scheinen die altnordischen Familiensagas zu geben. Verfasst im 13. und 14. Jh. schildern sie lebensnah und anschaulich Ereignisse, die sich in der Wikingerzeit vor allem auf Island zugetragen haben sollen. Es ist oftmals unklar, was in den Sagas auf reale Begebenheiten zurückgeht und was reine literarische Fiktion ist. Dennoch haben die Sagas auch für die Erforschung der Wikingerzeit einen hohen Wert, denn sie sollten für das Publikum realistisch wirken. Und in vielen Sagas kommt – neben emotionslosen Vernunftsehen – auch echte Liebe vor; sei es die seit Jahrzehnten gewachsene Verbundenheit eines alten Ehepaares, das gemeinsam in den Tod geht, wie Njáll und seine Frau Bergþóra in der Brennu-Njáls saga oder die ungestüme Verliebtheit von Guðrún und Kjartan gegen den Widerstand ihrer Familien in der Laxdœla saga. Oft aber endet die romantische Liebe in den Sagas tragisch mit dem Tod eines oder beider Partner. Und möglicherweise versteckt sich darin ein Hinweis auf das Verständnis von Liebe in der Wikingerzeit: Natürlich wird es auch damals echte Verliebtheit und Liebe gegeben haben. Ratsamer war es aber vielleicht bei aller Liebe trotzdem nicht die Vernunft aus den Augen zu lassen. Eine Ehe war immer auch die Verbindung zweier Familien und damit auch eine soziale wie politische Allianz, die in einer kleinen Gesellschaft enorme Folgen haben konnte.
