Springe zum Inhalt

Seit gestern ist das neue Sonderheft der Archäologie in Deutschland zu Krieg und Gewalt in der Wikingerzeit als Paperback erhältlich, die gebundene Ausgabe folgt nächste Woche.

Ich bin enorm glücklich über das tolle Ergebnis! Das Heft – so man das bei fast 140 Seiten und etwa 1,5 cm Stärke überhaupt so nennen darf – enthält zwei Dutzend spannende und interessante Texten zu unterschiedlichsten Aspekten von Krieg und Gewalt in der Wikingerzeit von einem Dutzend Wissenschaftlern und über 100 Illustrationen.

Es war toll, neben einigen altbekannten Freunden und Bekannten auch mit neuen Kollegen zusammenarbeiten zu können und deren Forschungen präsentieren zu dürfen!

Ich bedanke mich daher ganz herzlich bei allen Beteiligten, besonders bei den Autoren – Klas Wikström af Edholm, Leszek Gardeła, Kamil Kajkowski, Thorsten Lemm, Kerstin Odebäck, Sigmund Oehrl, Ben Raffield, Tobias Schade, Rudolf Simek, Dirk H. Steinforth und Sixt Wetzler – sowie bei der Redaktion der Archäologie in Deutschland und der WBG, ganz besonders bei Annine Fuchs und Holger Kieburg für die großartige Unterstützung und das Engagement!

Mit Die Ausgrabung bringt Netflix eine Sternstunde der Archäologie ins Fernsehen. Der Ende Januar veröffentlichte Spielfilm handelt von der Entdeckung des Schiffssgrabes von Sutton Hoo im englischen Suffolk durch Basil Brown im Jahr 1939 und basiert auf dem gleichnamigen Roman von John Preston, Neffe der an der Ausgrabung beteiligten Margaret Piggot.

Freilegung des Schiffes von Sutton Hoo 1939.
© Harold John Phillips/gemeinfrei

Das Schiffsgrab unter einem monumentalen Grabhügel (Mound 1) gilt als Bestattung eines angelsächsischen Herrschers des frühen 7. Jahrhunderts, vermutlich von Ræwald, dem ersten historisch sicher belegten König von East Anglia (gest. zwischen 617–625). Der Tote war in einer hölzernen Grabkammer auf einem 27 Meter langen, mit überlappenden Planken (sog. ‚Klinkerbauweise‘) gebauten Schiff – Hinweise auf einen Mast und Segel gab es nicht – beigesetzt worden. Sowohl von dem Leichnam wie auch von dem Schiff waren in der sauren Erde keine organischen Reste mehr erhalten; der Leichnam konnte nur durch erhöhte Phosphatwerte nachgewiesen werden, wohingegen sich die Form des Schiffsrumpfes mit mehreren hundert eisernen Nieten deutlich abzeichnete. In dem Grab wurden spektakuläre Funde gemacht, darunter ein weitestgehend vollständig erhaltener, aufwändig verzierter Spangenhelm mit Gesichtsmaske, Beschläge eines Schildes, ein Schwert mit Gold- und Cloisonnéverzierungen sowie mehrere Speere, Trinkhörner und eine Leier. Zudem fanden sich exquisite Gold- und Silberarbeiten wie Gürtel- und Taschenbeschläge sowie Fibeln aus Gold und mit Cloisonné oder zehn Silberschalen.

Rekonstruktion der Grabkammer in der Sutton Hoo Exhibition Hall.
© Gernot Keller; CC BY-SA 2.5

Viele der Funde aus dem Grab weisen auf überregionale Verbindungen der angelsächsischen Herrscher hin, bspw. in das merowingische Frankenreich in Mitteleuropa sowie bis in den ostmediterranen Bereich. Von besonderer Bedeutung sind aber die markanten Parallelen zu den skandinavischen – besonders ostschwedischen – Schiffsgräbern der Vendelzeit auf den Gräberfeldern von Vendel und Valsgärde. Es kann als sicher gelten, dass zwischen den Eliten in East Anglia und Vendel/Valsgärde enge Kontakte existierten und es wird ausgehend von dem deutlich skandinavischen Charakter vieler Funde darüber spekuliert, ob Ræwald möglicherweise am Hof der Herrscher von Vendel/Valsgärde aufwuchs. Auf diese engen Verbindungen zwischen England und Skandinavien in der angelsächsischen/vendelzeitlichen Periode weist auch das berühmte angelsächsische Epos Beowulf aus dem frühen 8. Jahrhundert hin.

Spangenhelm aus dem Grab von Sutton Hoo.
© British Museum; CC BY-SA 4.0

Die Ausgrabung zeichnet nun die Entdeckung dieses europäischen Äquivalents zum Grab von Tutenchamun erstaunlich akkurat nach, auch wenn sich der Film einige dramaturgische Freiheiten bei der Ausgestaltung der historischen Personen erlaubt und mit dem Fotografen Rory Lomax sogar einen fiktiven Charakter hinzufügt. Es war tatsächlich Edith Pretty, die nach dem Tod ihres Mannes aus einem spiritualistischen Interesse getrieben die Ausgrabung der großen Grabhügel auf ihrem Land in Auftrag gab. Der von ihr angeheuerte Basil Brown war jedoch anders als im Film kein umstrittener Amateur, sondern ein durchaus erfahrener Feldarchäologe, der über reichlich Grabungserfahrung für diverse Museen verfügte. Auch die Rolle von Margaret (Peggy) Piggott als unerfahrenes und nur wegen ihrer schlanken Figur bei der Grabung beschäftigtes – und darüber hinaus auch emotional reichlich überfordertes – Fräulein stimmt nicht mit der historischen Realität überein und stellt sicherlich den größten und durchaus als reichlich sexistisch zu kritisierenden Fauxpas des Filmes dar. Tatsächlich war Margaret Piggott mit ihren 27 Jahren zum Zeitpunkt der Ausgrabung des Schiffsgrabes von Sutton Hoo bereits eine erfahrene und durchaus renommierte Archäologin. Anders als oftmals in den Medien dargestellt wird, kann die Archäologie auf eine ganze Reihe von hochkarätigen und angesehenen Wissenschaftlerinnen zurückblicken, beginnend mit Johanna Mestorf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch das Alter vieler Charaktere stimmt nicht mit der Realität überein, so waren sowohl Margaret Piggots Mann Stuart als auch Charles Phillips als Archäologe des British Museum deutlich jünger, wohingegen die schwer kranke und wenige Jahre später verstorbene Edith Pretty eigentlich in ihren 50ern war.

Zwar wird die eigentliche Grabungstätigkeit, das Vermessen, Skizzieren und Bergen von Befund und Funden im Film nach der anfänglichen ‚Spatenarbeit‘ kaum thematisiert und zugunsten der dramaturgischen Entwicklung der Charaktere in den Hintergrund gestellt. Viele gezeigte Ereignisse rund um die Grabung haben aber tatsächlich so stattgefunden. So war der große Grabhügel (Mound 1) mit dem Schiffsgrab einer Beraubung dadurch entgangen, dass durch jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung ein Teil des Hügels erodiert war und so der Zentrum des Hügels nicht mehr über der Grabkammer lag. Auch war es Margaret Piggot, die den ersten goldenen Fund machte.

Der Fokus des Filmes liegt sicherlich weit eher auf den Emotionen der Charaktere als auf der Ausgrabung oder dem spektakulären Fund und hier wurden einige relevante Handlungsstränge zum Bedauern der fachlich interessierten Zuschauer nicht weiter verfolgt. Dennoch lohnt sich der Film als packende Darstellung einer der Sternstunde der Pionierzeit der Archäologie.

Wer sich wissenschaftlich in den spektakulären Fund von Sutton Hoo vertiefen möchte, kann auf der Seite des Ausgräbers Martin Carver den Bericht zu seinen Grabungen dort umsonst herunterladen.

Covid19-bedingt etwas verspätet ist diese Woche endlich ein Artikel veröffentlicht worden, den ich zusammen mit meiner Kollegin Valerie Palmowski geschrieben habe und in dem wir die drei bislang bekannten Fälle von intentionalen Schädeldeformationen der skandinavischen Wikingerzeit aus archäologischer, anthropologischer und vor allem identitätstheoretischer Perspektive diskutieren.

Der Beitrag ist erschienen in der Fachzeitschrift 'Germania' und kann hier heruntergeladen werden.

Ich habe mich sehr über die vielen Antworten zu den Adventskalenderrätseln gefreut! Viele Einsendungen haben eine große Anzahl von Fragen richtig beantwortet.

Unangefochtene Sieger mit jeweils 22 richtigen Antworten sind aber: Sarah aus Schwerin und Nils aus Erding, herzlichen Glückwunsch!

Und hier noch die Antworten zu allen Fragen:

1. Auf welcher Insel wurde im 10. Jh. eine Frau als vollbewaffneter Krieger bestattet?

Auf der Insel Björkö, im Mälarsee, bei dem bedeutenden frühstädtischen Handelsplatz Birka

2. Welcher dänische König der Wikingerzeit war Namensgeber für eine wichtige moderne Technologie?

Harald Blauzahn (altnord. Haraldr blátǫnn, 911–986)

3. Welcher moderne Staat trägt noch immer ein Symbol der Wikinger im Wappen?

Das Wappen der Ukraine zeigt bis heute einen stilisierten Falken, der als Siegel der aus Skandinavien stammenden Herrscherdynastie der Rjurikiden seit dem 10./11. auf Münzen belegt ist.

4. Welchen Namen ritzte ein Angehöriger der Warägergarde an exklusiver Stelle in den Marmor?

Von einer Inschrift in altnordischen Runen, die in eine Balustrade auf der Kaiserempore der Hagia Sophia – damals Kathedrale des Byzantinischen Reiches – geritzt wurde, lässt sich der Name Halfdan entziffern. Der Rest der kurzen Runeninschrift ist unleserlich, wird aber vermutlich ‚[…] ritzte die Runen‘ gelautet haben.

5. Wieviel wiegt der größte bislang bekannte Silberschatz der Wikingerzeit?

Der Silberschatz von Spillings, gefunden in der Nähe des Ortes Slite, Othem sn, auf Gotland, wiegt 67 Kilo.

6. Wieviel Quadratmeter Segelfläche hatte das längste bislang bekannte Wikingerschiff?

Das Mitte der 1990er Jahre gefundene, größte bislang bekannte Wikingerschiff, die Roskilde 6, hatte bei etwa 36 Meter Länge eine Segelfläche von geschätzten 200 m².

7. Welche Siedlung lag am Beginn der Route ‚von den Warägern zu den Griechen‘?

Die wichtige Handelsroute, die von Skandinavien über Russland und die Ukraine bis nach Konstantinopel (heute Istanbul) führte, nahm im 10. Jh. ihren Anfang in Birka, westlich des heutigen Stockholms, und ab dem Ende des 10. Jh. in Sigtuna und auf Gotland. Der erste Umschlagplatz außerhalb Skandinaviens war Staraja Ladoga am Ladoga-See (Ich lasse alle Antworten gelten).

8. Welches dänische Grab der Wikingerzeit ist berühmt für die darin gefundene Axt?

In dem Kammergrab von Mammen in Dänemark (Ende des 10. Jh.) lag die berühmte Mammenaxt, verziert mit Silbertauschierungen, die namensgebend für den Mammenstil wurde.

9. Welches begehrte Importgut aus dem Frankenreich lässt sich an den Brunnen von Haithabu nachweisen?

In Haithabu wurden große, aus Tannenholz gefertigte Weinfässer gefunden, die sekundär als Brunnenröhren verwendet wurden und Weinimport aus dem Frankenreich belegen.

10. Von welcher Stelle sind die meisten Wikingerschiffe bekannt?

Insgesamt 14 wikingerzeitliche Schiffswracks wurden bislang auf dem Grund des Roskildefjords bei Skuldelev, nahe der dänischen Stadt Roskilde, Seeland, geborgen.

11. Welcher arabische Reisende berichtet über seinen Besuch in Haithabu?

Der jüdische Gelehrte Ibrāhīm ibn Yaʿqūb (auch oft als At-Tartûschi – aus Tortosa, Spanien – bezeichnet) reiste in der zweiten Hälfte des 10. Jh. im Auftrag des arabischen Kalifen von Córdoba durch Mitteleuropa und gelangte bis nach Haithabu.

12. Wer leitete die Kolonialisierung Grönlands?

Die (sichere) Entdeckung und Besiedlung Grönlands von Island aus wurde angestoßen und geleitet von dem berühmt-berüchtigten Wikinger Erik dem Roten (altnord. Eiríkur rauði Þorvaldsson, etwa 950–1003), der Anfang der 980er Jahre wegen eines Totschlags aus Island verbannt wurde und die Zeit der Verbannung nutze, um Gerüchten über ein Land weit im Westen nachzugehen, das von einem Mann namens Gunnbjörn Úlfsson gesichtet worden sein sollte. Nach dem Ablauf seiner Verbannung initiierte er 985 die Landnahme an der Südspitze Grönlands.

13. Wo stand das größte bislang bekannte Gebäude der Wikingerzeit?

Das bislang größte bekannte Gebäude der skandinavischen Wikingerzeit war das 83 Meter messende Langhaus von Borg auf den Lofoten, Nordnorwegen.

14. Woran starb der Mann aus dem Grab von Gokstad?

Der etwa 40 Jahre alte Mann in dem Schiffsgrab von Gokstad ist vermutlich durch einen Stich in den rechten Oberschenkel verblutet.

15. Welche Stadt gilt als die älteste Stadt Dänemarks?

Die Stadt Ribe in Süddänemark wurde vermutlich spätestens Anfang des 8. Jh. als Handelsplatz gegründet.

16.Welcher aus der Edda bekannte Mythos wird im Kopffeld von mehreren gotländischen Bildsteinen dargestellt?

Im Kopffeld der Bildsteine von Alskog Tjängvide I und Ardre VIII wird ein Mann dargestellt, der auf einem achtbeinigen Pferd auf ein Hallengebäude (?) zureitet und – im Falle von Alskog Tjängvide – von einer Frauenfigur mit Trinkhorn empfangen wird. Die Szene scheint den Einzug eines im Kampf gefallenen Kriegers (oder Odin selber) in Odins Halle Walhall zu zeigen.

17. Woher stammen die beiden einzigen bislang bekannten vollständigen Helme der Wikingerzeit?

Der berühmteste vollständige Helm der Wikingerzeit stammt aus dem berühmten norwegischen Grab von Gjermundbu aus der zweiten Hälfte des 10. Jh. Der zweite vollständige Helm wurde bereits in den 1950er Jahren bei Bauarbeiten im englischem Yarm gefunden, aber erst im letzten Jahr endgültig als wikingerzeitlich akzeptiert.

18. Welcher bedeutsame Fundplatz gilt als Vorläufer zu Birka?

Bereits in der späteren römischen Eisenzeit ab dem 3. Jh. und dann besonders in der Völkerwanderungs- und Vendelzeit lag ein wichtiges politisches, wirtschaftliches und auch religiöses Zentrum auf der kleinen Insel Helgö im Mälarsee, kaum fünf Kilometer südöstlich von der Insel Björkö mit Birka.

19. Welches war das exotischste Tier im Schiffsgrab von Gokstad?

Das sicherlich exotischste Tier im Schiffsgrab von Gokstad war ein Pfau

20.Welche Ware der Wikinger gilt als Ursache für die enormen Mengen an arabischem Silber in Skandinavien?

Die genauen Hintergründe für den schier unglaublichen Silberstrom, der Millionen von arabischen Münzen nach Skandinavien brachte, sind noch immer Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Diskussionen. Es kann aber angenommen werden, dass eine zentrale Ware Sklaven gewesen sind, die in den Ländern der Westslaven in Osteuropa gefangen und auf den Märkten im Osten verkauft wurden

21. Welche Schlacht gilt als Endpunkt der Wikingerzeit?

Üblicherweise gilt die Schlacht von Stamford Bridge am 25. September 1066 als ein ereignisgeschichtlicher Endpunkt der Wikingerzeit. In dieser Schlacht besiegte der angelsächsische König Harald Godwinson den norwegischen König Harald den Harten (altnord. Haraldr harðráði, 1015–1066). Die Schlacht von Stamford Bridge war der letzte ernsthafte Versuch eines Wikingerkönigs, den englischen Thron zu erobern. Besonders in der zweiten Hälfte des 9. Jh. und in der ersten Hälfte des 11. Jh. war das angelsächsische England teilweise unter skandinavischer Herrschaft.

22. Welcher berühmte Fund wurde über 6.000 Kilometer bis nach Helgö in Schweden gebracht?

In Helgö wurde eine bronzene Buddha-Statue gefunden, die vermutlich im pakistanischen Swat-Tal hergestellt worden war.

23. Welche berühmte nahöstliche Stadt ist in der Runeninschrift aus dem gotländischen Timans erwähnt?

Die Runeninschrift auf dem kleinen Steinfragment von Timans nennt zwei Männernamen – Ormika und Ulvair – sowie die Orte Griechenland (krikiaR), Jerusalem (iausaliR), Island (islat) und Serkland (serklat; vermutlich die islamische Welt), möglicherweise die Orte, welche die beiden Männer (als Händler?) bereist haben.

24. Welcher berühmte norwegische König der späten Wikingerzeit hatte zu Lebzeiten einen wenig schmeichelhaften Beinamen und gilt heute als Heiliger?

Der norwegische König Olav II. Haraldsson (altnord. Óláfr Haraldsson, 995–1030) trug zu Lebzeiten den wenig schmeichelhaften Beinamen ‚der Dicke‘ (altnord. Óláfr digri) und wurde bereits wenige Jahre nach seinem Tod in der Schlacht von Stiklestad als Heiliger verehrt.

In der Silvesternacht 2020 ist mit Prof. Klaus Düwel einer der prägendsten Wissenschaftler im Feld der germanistischen und skandinavistischen Mediävistik und insbesondere der Runenkunde verstorben.

Klaus Düwel studierte ab 1956 an den Universitäten in Göttingen, Tübingen und Wien Geschichte und Germanistik im Lehramtsstudium sowie kurzzeitig auch Theaterwissenschaften. Geprägt durch Kontakte zu Otto Höfler, einem der zentralen Mediävisten, widmete er sich germanistischen und nordischen älteren Philologie sowie der mittelalterlichen Geschichte und der evangelischen Theologie – eine Kombination, die sein späteres wissenschaftliches Wirken vorwegnahm – und legte 1961 und 1963 sein Staatsexamen ab.

Während seine 1965 vorgelegte Dissertation Werkbezeichnungen der mittelhochdeutschen Erzählliteratur (1050−1250) sich noch im Bereich der mittelhochdeutschen Philologie bewegte, verlagerte er sein Wirken mit seinem 1972 abgeschlossenen Habilitationsprojekt Das Opferfest von Lade und die Geschichte vom Völsi. Quellenkritische Untersuchungen zur germanischen Religionsgeschichte auf die kritische Auseinandersetzung mit der germanische Religionsgeschichte.

Von 1974 bis 2001 hatte Klaus Düwel eine Professur am Göttinger Seminar für deutsche Philologie. Darüber hinaus war er Vorsitzender der Volkshochschule Göttingen sowie der Universität des dritten Lebensalters e.V. Göttingen. Er war Mitglied in der Königlichen Gustav-Adolfs-Akademie in Uppsala, der Wissenschaftsgesellschaft in Trondheim, der Norwegischen Akademie der Wissenschaften in Oslo sowie korrespondierendes Mitglied in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und seit 2014 zudem Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes am Bande für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen.

In fast 200 Publikationen widmete Klaus Düwel sich der Germanistik und Altnordistik, besonders aber der germanischen Religionsgeschichte und der Runologie. Er wirkte als Fachberater und Autor für eine große Zahl von Artikeln an der zweiten Auflage des akademischen Standardwerkes Reallexikon der Germanischen Altertumskunde mit und seine 1968 erstmals publizierte und seitdem viermal aktualisierte Runenkunde (die fünfte Auflage unter Mitarbeit von Robert Nedoma soll Anfang 2021 erscheinen) gilt als die zentrale Einführung zur Runologie, die – obgleich auf Deutsch verfasst – auch an den Universitäten im skandinavischen Raum als das Standardwerk zu diesem Thema verwendet wird.

Mit Klaus Düwel verlieren wir nicht nur einen der prägendsten Wissenschaftler im Bereich der Runologie und Mediävistik, sondern auch eine ebenso beeindruckende wie charismatische Persönlichkeit.

Rund um die mutmaßlich ursprünglich heidnische Herkunft unseres heutigen Weihnachtsfestes und die Bedeutung des altnordischen Júl-Festes hat sich mittlerweile ein dichtes Geflecht von Mythen, Halbwahrheiten und religiösen wie politischen Entfremdungen (und auch Missbräuchen) gelegt.

Carl Larsson, "Midvinterblot" (1915). Nationalromantische Darstellung des mythischen Königsopfers in der Mittwinternacht.
© Gemeinfrei

Archäologischer Fakt ist, dass wir so gut wie gar nichts über Júl/Jól – ‚das Weihnachten der Wikinger‘ – wissen. Nahezu alle Quellen, die uns dazu vorliegen, stammen aus späterer (und damit christlicher) Zeit und geben folglich nicht zwangsläufig ein realistisches Bild wieder. Zudem wurde in der Nationalromantik und später im Nationalsozialismus ein in Teilen bis heute nachwirkender Weihnachtskult inszeniert, durch den die nationalsozialistische Propaganda in vorgeblichen Traditionen verankert und über die positive Konnotation mit Weihnachten als gewissermaßen ‚natürlich‘ dargestellt werden sollte (dazu gibt es hier einen schönen Beitrag im Deutschlandfunk mit einem Interview mit Prof. Rudolf Simek).

Die wichtigste Quelle zu dieser Frage ist vermutlich das Ende des 9. Jh. entstandene Haraldskvæði, das von dem Skalden Þorbjörn hornklofi verfasste Preislied auf den norwegischen König Haraldr hárfagri und dessen Taten in der Schlacht am Hrafsfjord im Jahr 872.

In der sechsten Strophe heißt es dort:

6. Úti vill jól drekka,
ef skal einn ráða,
fylkir enn framlyndi,
ok Freys leik heyja;
ungr leiddisk eldvelli
ok inni at sitja,
varma dyngju
eða vǫttu dúns fulla.

"Der König beschloss, auswärts Jul zu trinken, Harald, der Kühne, hastete herbei zu Freys Spiel. Stets wurden ihm leid, das Hocken am Herd, die warme Stube der Frauen, und Daunenhandschuhe." (Übersetzung nach Hans-Jürgen Hube)

Aus der Strophe lässt sich entnehmen, dass es üblich gewesen zu sein scheint, in der Halle (des Herrschers) ein Júl-Trinken zu veranstalten und König Harald dieser Tradition überdrüssig war. Wie dieses Júl-Trinken jedoch konkret aussah und ob es auch abseits des norwegischen Königshofes veranstaltet wurde, bleibt ebenso unklar wie die Formulierung von „Freys Spiel“, das von manchen Forschern als Umschreibung für Kampf und von anderen als Ritual oder Opfer gedeutet wird. Allerdings war das gemeinsame Trinken in der Wikingerzeit (wie auch in den vorangehenden Epochen) nicht bloß ein rein geselliges Zusammenkommen, sondern hatte auch immer wichtige sozio-politische und auch religiöse Funktionen. Das gemeinsame rituelle Trinken von Bier oder Met verstärkte die sozialen Bindungen der Menschen untereinander. Abmachungen und Schwüre zu Allianzen und Gefolgschaften, aber auch zu Heiraten, wurden durch das gemeinsame Trinken besiegelt, und der lokale Anführer konnte durch die Ausrichtung besonders aufwändiger Mahlzeiten Macht und Reichtum demonstrieren. Zudem wissen wir aus archäologischen Befunden – nicht zuletzt auch aus Gräbern – dass die übliche Form des Opfers in der Wikingerzeit Opfermahlzeiten oder Trankopfer waren, kollektive rituelle Mahlzeiten, bei denen den Göttern ein Teil der Speisen und Getränke dargebracht wurde und man auf Frieden, Wachstum und Wohlstand anstieß.

Auf dem Bildstein Lärbro Tängelgårda IV von Gotland (9./10. Jh.) ist ein rituelles Trinkgelage, möglicherweise ein Trankopfer dargestellt.
© SHM

Ausgehend von den wenigen verfügbaren Quellen können wir mutmaßen, dass Júl/Jól in der Wikingerzeit zuerst einmal ein großes Fest war, bei dem man in den dunkelsten Wochen des Jahres zusammenkam, gemeinsam speiste und vermutlich auch auf die Götter und ein gutes neues Jahr anstieß. Ob dieses Júl-Fest tatsächlich zum festen Jahreskreis des gesamten Kulturraumes der Wikinger gehörte und auf einem Bauernhof in Dänemark oder Schweden ebenso gefeiert wurde, wie am norwegischen Königshof, bleibt jedoch ungewiss.

Das genaue Datum dieser Júl-Feier ist jedoch ähnlich unklar und ebenso ideologisch verklärt. Der isländische Skalde und Gelehrte Snorri Sturluson schrieb im 13. Jh., dass das heidnische Júl-Fest zu Mittwinter stattgefunden hätte. Es ist aber unklar, ob damit die astronomische Mittwinternacht – also rund um den 22. Dezember – oder die Mitte des Winters – also Mitte Januar – gemeint war. Die in neuheidnischen Kreisen zirkulierende These, das christliche Weihnachten wäre bewusst auf das Datum des heidnischen Júl-Festes gelegt worden, um quasi den heidnischen Kult zu christianisieren, ist allerdings falsch. Das christliche Weihnachtsfest – das sich tatsächlich ausgehend von der Bibel nicht datieren lässt – wurde bereits in der Spätantike im 4. Jh. auf den 25. Dezember gelegt. Ausschlaggebend war also sicherlich kein germanisches Júl-Fest, sondern vermutlich eher das Fest des römischen Reichsgottes Sol Invictus, das seit Ende des 3. Jh. an diesem Datum gefeiert wurde.

Wenn wir also heutzutage zu Weihnachten mit Familie und Freunden zusammenkommen, feiern wir sicherlich kein dezidiert heidnisches Fest. Die Tradition, sich in den dunkelsten Wintertagen zu einem Fest zu treffen und auf ein gutes neues Jahr anzustoßen, reicht jedoch weit zurück und scheint auch in der Wikingerzeit üblich gewesen zu sein!

Fröhliche Weihnachten und ein gutes neues Jahr – God jul och ett gott nytt år – Merry Christmas and a Happy New Year – Gleðileg jól og farsælt nýtt ár – Hyvää joulua ja onnellista utta vuotta!

Hier sind die letzten sechs Fragen:

  1. Welches war das exotischste Tier im Schiffsgrab von Gokstad?
  2. Welche Ware der Wikinger gilt als Ursache für die enormen Mengen an arabischem Silber in Skandinavien?
  3. Welche Schlacht gilt als Endpunkt der Wikingerzeit?
  4. Welcher berühmte Fund wurde über 6.000 Kilometer bis nach Helgö in Schweden gebracht?
  5. Welche berühmte nahöstliche Stadt ist in der Runeninschrift aus dem gotländischen Timans erwähnt?
  6. Welcher berühmte norwegische König der späten Wikingerzeit hatte zu Lebzeiten einen wenig schmeichelhaften Beinamen und gilt heute als Heiliger?

Bei Ausgrabungen in Hunnestad in Skåne, Südschweden, wurde vor wenigen Tagen ein seit über 300 Jahren verschwundener Runenstein wiederentdeckt.

Der wiederentdeckte Runenstein von Hunnestad.
© Arkeologerna; CC BY

Der Runenstein gehört zu dem berühmten ‚Monument von Hunnestad‘ bei Hunnestad in der Nähe von Ystad. Das in seiner Form einzigartige Hunnestadmonument wurde im 10. Jh. errichtet und bestand aus acht Steinen, von denen fünf Runeninschriften trugen. Fünf Steine – davon zwei mit Runeninschriften – waren mit einzigartigen figürlichen Bildern verziert, so zeigt einer der Steine (DR 282) einen Mann mit einer geschulterten Axt und auf einem weiteren Stein (DR 284) ist eine Szene abgebildet, die möglicherweise auf eine Situation der altnordischen Mythologie anspielt: eine Frauengestalt reitet auf einem Untier (möglicherweise einem Wolf) und hält Schlangen in ihren Händen. In Snorri Sturlusons Gylfaginning – Teil der berühmten Edda und niedergeschrieben zu Beginn des 13. Jh. – wird die Riesin Hyrrokkin erwähnt, die auf einem mit Schlangen gezäumten Wolf reitet und bei der Bestattung des Gottes Balder dessen Totenschiff ins Meer schiebt.

Der Bildstein DR 284 mit der möglichen Darstellung von Hyrrokkin im Museum 'Kulturen'.
© Wikipedia; CC BY-SA 3.0

Das Hunnestadmonument wurde Ende des 18. Jh. durch den schwedischen Grafen Eric Ruuth bei Bauarbeiten für sein Anwesen zerstört. Drei der Steine wurde bereits Anfang des 19. Jh. entdeckt und sind heute im Museum ‚Kulturen‘ in Lund ausgestellt (darunter die beiden oben beschriebenen Bildsteine). Zu den anderen Bildsteinen existieren nur Beschreibungen und eine Zeichnung durch den dänischen Gelehrten Olaus Wormius, der in der ersten Hälfte des 17. Jh. eine Inspektion der Altertümer in Dänemark und dem damals noch zu Dänemark gehörenden Südschweden (Skåne, Blekinge und Halland) vornehmen ließ.

Olaus Wormius' Zeichnung des Hunnestadmonuments, erste Hälfte des 17. Jh.
© Wikipedia; Public domain

Diese Zeichnung von Olaus Wormius erlaubte nun die Identifikation des wiedergefundenen Runensteines, der hoffentlich neue und interessante Informationen zum Hunnestadmonument liefern wird.

Hier sind die nächsten sechs Fragen:

  1. Wo stand das größte bislang bekannte Gebäude der Wikingerzeit?
  2. Woran starb der Mann aus dem Grab von Gokstad?
  3. Welche Stadt gilt als die älteste Stadt Dänemarks?
  4. Welcher aus der Edda bekannte Mythos wird im Kopffeld von mehreren gotländischen Bildsteinen dargestellt?
  5. Woher stammen die beiden einzigen bislang bekannten vollständigen Helme der Wikingerzeit?
  6. Welcher bedeutsame Fundplatz gilt als Vorläufer zu Birka?

Am 23. Februar nächsten Jahres erscheint bei wbg/Theiss das von mir herausgegebene Buch 'Die Wikinger. Seeräuber und Krieger im Licht der Archäologie' als Sonderheft 20/2021 der Archäologie in Deutschland.

In dem reichhaltig bebilderten Buch werden durch ein Dutzend Wissenschaftler (darunter Rudolf Simek, Sigmund Oehrl, Leszek Gardeła, Dirk H. Steinforth, Ben Raffield, Tobias Schade, Thorsten Lemm, Sixt Wetzler) auf über 130 Din A4-Seiten zentrale Aspekte zu Krieg und Gewalt in der Wikingerzeit diskutiert. Themen sind u. a. Bewaffnung, Befestigungen und Kriegsführung, Erziehung und Kriegerideale, Sklaverei und Menschenopfer, Berserker und die Rolle der Frau bei Krieg und Gewalt.

Das Buch wird sowohl als Hardcover veröffentlicht, wie auch als Sonderheft für die Archäologie in Deutschland.