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In dem neuesten Newsletter der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e.V. (DGUF) werden anlässlich des Jubiläums der 100. Ausgabe Themen diskutiert, über die man in der Archäologie spricht oder dringend sprechen sollte. Ich habe mich daran mit einem Beitrag zur Rolle der Medien in der Vermittlung von Archäologie beteiligt. Den kompletten, über 100 Seiten starken Newsletter kann man >hier< herunterladen.

Nächste Woche halte ich am Donnerstag, dem 20. Mai, um 10:00 Uhr im Rahmen des Kurses "Einführung ins nordische Mittelalter" an der Universität zu Köln einen digitalen Einführungsvortrag zu den Wikingern.

Wer Zeit und Interesse hat, kann sich per Zoom zu dem Vortrag dazuschalten. Der Zugangslink und das Passwort kann per Mail an mtoplak [at] web.de bei mir angefragt werden.

– oder was können wir überhaupt über die Wikingerzeit wissen?

Bei Unterhaltungen mit Freunden, Bekannten oder anderen Wikinger-Interessierten oder bei Diskussion im Internet fällt mir häufig auf, dass das tatsächlich vorhandene Fachwissen zur Wikingerzeit weit überschätzt wird. Zwar haben wir mit der Archäologie eine enorme und stetig wachsende Menge an Funde, aber ebenso wie die Schriftquellen, die uns zur Erforschung der Wikingerzeit zur Verfügung stehen, bilden diese Funde immer nur Ausschnitte der historischen Realität ab und müssen genauso wie die Schriftquellen interpretiert werden. Und so sind auch noch nach fast 150 Jahren wissenschaftlicher Erforschung der Wikingerzeit noch immer viele Leerstellen in unserem Wissen vorhanden, bei denen wir entweder nur spekulieren können oder als Wissenschaftler schlicht auch einmal sagen müssen: "Das wissen wir derzeit noch nicht".

Ich habe daher einmal einen etwas längeren >>Text<< geschrieben, in dem ich die Quellen diskutiere, die uns für die Wikingerzeit vorliegen, was wir diesen Quellen entnehmen können und vor welche Probleme wir mit der Auswertung dieser Quellen gestellt werden.

Bei Untersuchungen in der Lavahöhle Surtshellir nahe des Langjökull im zentralen westlichen Island wurde durch Forscher des Haffenreffer Museum of Anthropology bereits 2012–2013 ein enorm spannender wikingerzeitlicher Kultplatz ausgegraben, der jetzt im Journal of Archaeological Science publiziert wurde.

Die Höhle Surtshellir entstand vermutlich im 9. Jahrhundert durch fließende Lava in Folge eines Vulkanausbruches des Langjökull und ist eine der längsten, bekannten Lavaröhren Islands. Die Höhle, die nach dem Feuerriesen Surtr der altnordischen Mythologie benannt ist, wurde bereits in der altnordischen Sagaliteratur des 13. Jahrhunderts erwähnt als Zuflucht von Gesetzlosen, die in den unwirtlichen Lavafeldern im Inneren der Insel leben mussten.

Eingang der Surtshellir.
© Leon Dolman (CC BY-NC-ND 2.0)

Die neuen Untersuchungen erlaubten nun mittels 14C-Datierungen, die Entstehung der Höhle besser nachvollziehen zu können. Der Lavatunnel bildete sich, als bei einem Ausbruch des Langjökull im späten 9. Jahrhundert etwa 240 km² mit Lava bedeckt wurden. Spannenderweise legt diese Datierung nahe, dass die ersten, aus Norwegen stammenden Siedler, die sich ab 870 auf Island niederließen, diesen Vulkanausbruch vermutlich miterlebt haben. Es kann nur darüber spekuliert werden, welche gewaltigen Eindrücke ein Vulkanausbruch bei den Wikingern hinterlassen haben muss.

Einen möglichen Hinweis darauf, wie sehr sich dieser Vulkanausbruch in das Bewusstsein und die Mythologie der Wikinger einprägte, fanden die Forscher nun bei den Ausgrabungen 300 Meter tief in der Höhle Surtshellir mit einem mutmaßlichen Kultplatz. Etwa 10 Meter unter der Erde war mit großen Felsblöcken eine schiffsförmige Struktur gebildet worden, in der große Mengen von verbrannten Tierknochen von Schafen/Ziegen, Pferden, Schweinen und Rindern lagen. Zudem fanden sich Perlen und ein kleines kreuzförmiges Bronzegewicht. Weitere Haufen mit Tierknochen zogen sich fast 120 Meter durch die Höhle.

Die schiffsförmige Steinsetzung in der Surtshellir.
© Kevin P. Smith/Haffenreffer Museum of Anthropology

Die Datierungen der Knochen legen nahe, dass Surtshellir bereits wenige Jahre nach der Entstehung als besonders mystischer Ort wahrgenommen wurde, vielleicht als Schwelle zwischen dem Diesseits und der Unterwelt. Möglicherweise sind die Tierknochen die Reste von Opferritualen, mit denen die Wikinger unter dem Eindruck des Vulkanausbruches die Götter besänftigen wollten. Interessanterweise endeten die rituellen Handlungen in Surtshellir relativ zeitgleich mit der offiziellen Annahme des Christentums auf Island im Jahr 1000 und auch die Deponierung des kreuzförmigen Bronzegewichtes kann möglicherweise als eine christliche ‚Versieglung‘ des heidnischen Opferplatzes verstanden werden.

Die neuen Ergebnisse aus Surtshellir erweitern nicht nur unser Wissen um religiöse Aktivitäten der Wikinger auf Island, sondern sie lassen auch die mythologischen Überlieferungen der altnordischen Literatur in neuem Licht erscheinen. Möglicherweise hielt die Erinnerung an den Vulkanausbruch Einzug in die wikingerzeitliche Mythologie und war Ausgangspunkt für die Vorstellung von Ragnarök als Untergang der Welt. Darauf könnte auch der Name der Höhle hindeuten, denn der Feuerriese Surtr ist der altnordischen Mythologie zufolge einer zentralen Protagonisten im finalen Kampf der Götter mit den Riesen.

Das Surtshellir Archaeological Project hat auch eine Facebook-Seite, auf der neue Ergebnisse vorgestellt werden.

Anlässlich des heutigen 75. Geburtstages meines erklärten Lieblingsschriftstellers Sven Nordqvist (stort grattis, käre Sven!) möchte ich gerne eines seiner weniger bekannten Werke vorstellen: „Die Leute von Birka. So lebten die Wikinger“.

Das Buch erschien bereits 1999 (2002 in deutscher Übersetzung) und kombiniert eine spannende Erzählung mit harten archäologischen Fakten zu den Wikingern. Beteiligt waren neben Sven Nordqvist, der die Illustrationen zeichnete, der schwedische Schriftsteller Mats Wahl sowie Björn Ambrosiani, der große Pate der schwedischen wikingerzeitlichen Archäologie.

Auch meine Kater Findus und Jukka-Pekka lieben dieses Buch... möglicherweise befand es sich einmal in einer Tüte mit Fisch?

Der erste Teil des Buches enthält die von Mats Wahl geschriebene, unterhaltsame Erzählung um die dramatischen Reisen der Wikingergeschwister Vigdis und Holmsten. Die Geschichte ist von Sven Nordqvist in seinem üblichen Stil großflächig illustriert. Seine Bilder sind ebenso stimmungsvoll wie detailreich und greifen in vielen Kleinigkeiten konkretes archäologisches Fachwissen. Vor allem aber entführen sie den Leser in eine beeindruckend authentisch wirkende Wikingerzeit und lassen die Atmosphäre im wikingerzeitlichen Langhaus ebenso greifbar werden wie auf stürmischer See.

Auf die Erzählung von Vigdis und Holmsten folgt ein von Björn Ambrosiani und Sven Nordqvist verfasster Sachtext, der kindgerecht aber ebenfalls unterhaltsam die Welt der Wikinger erklärt und nahezu alle wichtigen Aspekte in kurzen Absätzen aufgreift. Auch hier ist der Text wieder durch Sven Nordqvists Illustrationen ergänzt, in denen auch immer wieder witzige Details hervorstechen.

„Die Leute von Birka. So lebten die Wikinger“ ist ein wunderschönes Bilderbuch, mit dem Kinder und Erwachsene gleichermaßen in die Atmosphäre der Wikingerzeit eintauchen können und das durch die Kombination von Sachinformationen und Illustrationen Kinder spielerisch mit Geschichte und Archäologie vertraut macht.

Derzeit ist das Buch leider nicht mehr im Buchhandel erhältlich, es kann aber über Amazon bezogen werden.

Heute möchte ich einmal auf ein wissenschaftspolitisches Problem aufmerksam machen. Besonders die sogenannten ‚kleinen Fächer‘ sind an den deutschen Universitäten permanent unterfinanziert und von massiven Streichungen oder Schließungen bedroht. Nun sollen auch die beiden Skandinavistik-Institute an den Universitäten Tübingen und Göttingen geschlossen werden.

Die Skandinavistik – als Wissenschaft der skandinavischen Sprachen, der skandinavischen Literatur, Kultur und Geschichte – ist nicht nur eine wichtige Disziplin, die sich mit unseren Nachbarn in Nordeuropa beschäftigt, sondern sie ist für die Erforschung der Wikingerzeit unverzichtbar. Ohne die Skandinavistik würde uns in der Mittelalterarchäologie der Zugang zur altnordischen Literatur und zu den Runeninschriften fehlen, den beiden wichtigsten schriftlichen Quellen für die Wikingerzeit. Auch würde die zunehmende Schließung der Skandinavistik-Institute den Zugang zur fremdsprachigen Fachliteratur für junge Wissenschaftler erschweren.

Daher möchte ich an dieser Stelle auf die Petition gegen die Schließung der Skandinavistik-Institute an den Universitäten Tübingen und Göttingen hinweisen! Bitte unterschreibt die Petition, um uns und folgenden Generationen von Wissenschaftlern die Erforschung der Wikingerzeit zu ermöglichen.

Ich bin vor kurzem auf den britischen Künstler Patrick Robinson aufmerksam gemacht worden, der Darstellungen von historischen Charakteren in Fernsehserien, Filmen und Computerspielen wie 'Vikings', 'The Last Kingdom', 'King Arthur' oder 'Assassin's Creed – Valhalla' überarbeitet und (weitestgehend) historisch korrekt darstellt. Ich finde seine Arbeiten sehr beeindruckend und freue mich darüber, einen Teil seiner Werke hier zeigen zu dürfen (vielen Dank an Patrick!). Sie lassen uns erkennen, wie weit die populäre, mediale Darstellung von Wikingern - und generell des Mittelalters - von der historischen Realität entfernt ist. Und sie zeigen auf, dass diese historische Realität doch eigentlich viel eindrucksvoller und ansprechender ist, als der übliche, unhistorische Einheitsbrei aus Leder, Fell und Nieten.

Mehr zu Patrick Robinson findet Ihr bei Facebook: https://www.facebook.com/PatrickAnimation

Der renommierte Wikingerexperte Neil Price, Professor an der Universität in Uppsala, Schweden, hat eine seiner spannenden und extrem unterhaltsamen (Online-)Vorlesungen zur Wikingerzeit bei Youtube hochgeladen. Die auf Englisch gehaltene, sehr anschaulich illustrierte Vorlesung kann hier angesehen werden. Absolute Empfehlung für alle, die an einem tiefergehenden Verständnis der Wikingerzeit interessiert sind (und vor akademischem Englisch nicht zurückschrecken).

Liebe Wikingerbegeisterte,

seit Ende letzten Monats ist das neueste von mir herausgegebene Buch zu den Wikingern erhältlich. 'Die Wikinger. Seeräuber und Krieger im Licht der Archäologie', erschienen als Sonderheft der Archäologie in Deutschland und als gebundenes Buch bei WBG, widmet sich der kriegerischen Seite der Wikinger.

Die richtige Antwort lautet natürlich 'Lindisfarne'. Vielen herzlichen Dank für die vielen Antworten!

Anlässlich des heutigen internationalen Frauentages möchte ich gerne zwei große Pionierinnen unseres Faches vorstellen, welche die Archäologie maßgeblich geprägt haben.

Johanna Mestorf, die erste Professorin Preußens

Beginnen möchte ich mit Johanna Mestorf (geb. 17.04.1828 in Bramstedt, Schleswig-Holstein, gest. 20.07.1909 in Kiel), einer der ersten Frauen in der prähistorischen Archäologie und der ersten Frau in Deutschland, die den Titel ‚Professor‘ verliehen bekam.

Johanna Mestorf, Foto von 1909.
© Gemeinfrei

Johanna Mestorf begann bereits früh damit, sich neben ihrer eigentlichen beruflichen Tätigkeit umfassende archäologische Fachkenntnisse anzulesen und übersetzte wichtige skandinavische Publikationen zur Archäologie ins Deutsche. Neben den klassischen Bildungssprachen wie Französisch und Italienisch sprach sie in Folge eines längeren Aufenthaltes in Schweden auch Dänisch, Norwegisch und Schwedisch. Darüber hinaus verfasste sie eine große Menge an Aufsätzen zu verschiedenen archäologischen Themen.

Ab 1868 arbeitete sie, zuerst ehrenamtlich, dann ab 1873 als Kustodin und schließlich ab 1891 als Direktorin am Kieler Museum vaterländischer Alterthümer, dem Vorgänger der heutigen Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf‘ und des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Kieler Universität. In Folge ihrer wegweisenden Arbeit für die prähistorische Archäologie wurde ihr 1899 von Kaiser Wilhelm II. der Titel als Professor verliehen – eine kaum hoch genug einzuschätzende Würdigung ihrer Leistungen: Frauen durften zu dieser Zeit eigentlich noch gar nicht studieren und erst zwanzig Jahre später das Recht erhielten, zu habilitieren.

Mehr zu Johanna Mestorf gibt es hier:

Dagmar Unverhau: Ein anderes Frauenleben. Johanna Mestorf (1828–1909) und "ihr" Museum vaterländischer Altertümer bei der Universität Kiel. 3 Bände. Kiel: Wachholtz 2015.

Julia K. Koch & Eva-Maria Mertens (Hrsg.): Eine Dame zwischen 500 Herren. Johanna Mestorf – Werk und Wirkung (= Frauen – Forschung – Archäologie Band 4). Münster: Waxmann 2002.

Greta Arwidsson – 'Forngreta' und die Grundlagen der modernen wikingerzeitlichen Archäologie

Die zweite große Pionierin der Archäologie war die Schwedin Greta Arwidsson (geb. 05.07.1906 in Uppsala, gest. 31.01.1998 in Stockholm), deren Forschung für die wikingerzeitliche Archäologie von unermesslichem Wert ist.

Greta Arwidsson (rechts) und Holger Arbman 1943 bei der Ausgrabung der Garnison von Birka.
© ATA/RAÄ

Greta Arwidsson wuchs in einer wissenschaftlich interessierten Familie auf, beide Eltern waren für das Nordiska Museet, das kulturgeschichtliche Museum in Stockholm, tätig. Sie begann 1924 ein Studium an der renommierten Universität in Uppsala und belegte dabei auch Kurse in ‚Nordischer Archäologie‘ bei Prof. Sune Lindqvist. Unter dessen Leitung nahm sie an der Ausgrabung der Bootsgräber von Valsgärde teil, über die sie 1942 promovierte. Nach ihrem Studium arbeitete sie erst am Gustavianum, der Sammlung der Universität Uppsala, am Statens Historiska Museum in Stockholm sowie als Dozentin an der Universität Uppsala.

Nach dem Krieg wurde sie landsantikvarie (etwa leitender Bodendenkmalpfleger) auf Gotland – als erste Frau, die in Schweden eine Stelle als landsantikvarie erhielt – und Leiterin des Museums Gotlands Fornsal, ein Karriereschritt, der ihren Ruf nachhaltig prägte. In ihren zehn Jahre auf Gotland setzte sie sich, zumeist unterwegs auf einem Fahrrad, so unermüdlich für die lokale Archäologie ein, dass sie von den Einheimischen nur Forngreta (‚Altertums-Greta‘) genannt wurde (und ich durfte selbst bereits mehrfach mit der hervorragenden Dokumentation aus ihrer Hand arbeiten). 1956 wurde sie – als erste Frau in Schweden – in Nachfolge von Mats P. Malmer zur Professorin für ‚Nordische und vergleichende Archäologie‘ an der Universität Stockholm ernannt.

Greta Arwidsson ist untrennbar mit der schwedischen Archäologie verbunden. Ihre Publikationen zu den Ausgrabungen in Valsgärde und Birka bilden das Rückgrat der Erforschung der Wikingerzeit und sie hat mit der Einrichtung des Osteologiska forskningslaboratoriet (dem anthropologischen Forschungslabor) und des Arkeologiska forskningslaboratoriet (dem archäologischen Forschungslabor) das archäologische Institut der Universität Stockholm bis heute maßgeblich geprägt.

Zu Greta Arwisson gibt es eine neue Biographie, geschrieben von ihrer langjährigen Freundin, der Archäologin Prof. Birgit Arrhenius:

Birgit Arrhenius: Forngreta. en biografi om Greta Arwidsson, den första kvinnan som blev landsantikvarie och professor i arkeologi. Stockholm: Bokförlaget Langenskiöld 2019.