Am 26. August 2026 ist mit Harm Paulsen der Gründervater der deutschen Experimentalarchäologie im Alter von 81 Jahren verstorben. Wie kein anderer hat Harm Paulsen mit seinem Wirken im Spannungsfeld zwischen quellenorientierter Wissenschaft und anschaulicher experimentellen Archäologie die heutige Experimentalarchäologie und das Living History im musealen Umfeld geprägt.

Geboren 1944 in Lübeck kam Harm nach einer Ausbildung als Elektrotechniker über Umwege zur Archäologie, der er bis zuletzt verbunden war. Als Grabungstechniker, Zeichner, Modellbauer und als Experimentalarchäologe war er ab 1986 am Archäologischen Landesmuseum (heute Museum für Archäologie Schloss Gottorf) in Schleswig angestellt. Nach seinem Ruhestand im Jahr 2009 engagierte er sich als Freiwilliger weiter und prägte mit den von ihm gebauten Modellen sowie in seiner Rolle als Experimentalarchäologe besonders die Vermittlung der Steinzeit und der Wikingerzeit, die beiden Epochen, denen Harm sich eng verbunden fühlte.
Untrennbar bleibt sein Name auch mit dem „Opinn skjold e.V.“, dem ältesten deutschen Living History-Verein zur Wikingerzeit, verbunden. Bereits 1978 von einer Gruppe um Harm Paulsen gegründet, hatte der Verein den Anspruch, dem in der Öffentlichkeit vorherrschenden Zerrbild der Wikinger eine gleichzeitig wissenschaftlich fundierte wie auch praktisch erfahrbare Darstellung entgegenzusetzen. Die Wikingerzeit sollte nicht bloß kostümiert dargestellt, sondern auf Grundlage archäologischer und experimenteller Erkenntnisse so authentisch wie möglich nachvollzogen und erlebt werden können. Aus diesem Anspruch heraus entstanden 1986 aus dem Umfeld von „Opinn skjold“ und Harm heraus auch die bis heute veranstalteten „Wikingertage“ in Schleswig. Als diese sich in seinen Augen zu sehr zu einer rein kommerziellen Unterhaltungsveranstaltung ohne wissenschaftlichen Anspruch entwickelten, zog er in der ihm eigenen Art daraus die Konsequenzen und beteiligte sich fortan nicht mehr an der Veranstaltung.
Dabei war es für Harm immer ebenso wichtig, praktisches Wissen durch archäologische Experimente zu erwerben, wie dieses Wissen – und besonders die Faszination für Geschichte, Archäologie und erlebbares Handwerk – an die interessierte Öffentlichkeit weiterzugeben. In einer Zeit, in der die akademische Welt noch viel zu oft im metaphorischen Elfenbeinturm über die Köpfe der Bevölkerung hinweg theoretisierte, schlug er mit der Verbindung von archäologischem Fachwissen, praktischem Handwerk und besonders mit seiner lebendigen und humorvollen Vermittlung eine Brücke zwischen Wissenschaft und Erlebnis. Experimentelle Archäologie wurde so zu einer Art „Archäologie zum Anfassen“. Ein besonderer Platz dafür war das Wikinger Museum Haithabu, in dem er mit dem Nachbau eines Einbaums 1989 das Konzept „Handwerk im Experiment“ begründete und damit auch die wissenschaftliche Grundlage für die heute so beliebten Belebungen und Alltagsvorführungen bei den Wikinger Häusern Haithabu schuf.
Es war – und ist – mir eine besondere Ehre, dass Harm nach meinem Dienstantritt in Haithabu als einer der ersten in die neu gegründete Ehrenamtsgruppe eintrat und dem Wikinger Museum, vor allem aber den Wikinger Häusern, bis zuletzt als Ehrenamtlicher treu war; als gern gesehener Gast in wikingerzeitlicher Kleidung bei den Märkten und als fachkundiger und oft mit seinem Fotoapparat dokumentierender Helfer bei Arbeitseinsätzen, der auf nahezu jede Frage und jedes Problem Antwort und Lösung parat hatte: überlegte man, wie sich etwas mit wikingerzeitlichem Handwerk umsetzen ließ, stellte sich meist heraus, dass Harm Paulsen es schon längst probiert hatte – meist erfolgreich.
Mit dem Tod von Harm Paulsen haben wir eine Ikone der praktischen Archäologie verloren, vor allem aber haben wir – seine Familie, seine Freunde und die archäologische Gemeinschaft – einen warmherzigen, humorvollen und charismatischen Freund verloren, der uns allen sehr fehlen wird.