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Das aktuelle Magazin von 'Zeit Geschichte: Wikinger' widmet sich ausführlich auf über 120 Seiten der Wikingerzeit. Mehr als 20 Beiträge, teilweise verfasst von international renommierten Fachleuten beleuchten unterschiedliche Aspekte dieser Epoche und auch für echte 'Wikinger-Kenner' findet sich noch die ein oder andere neue Information. Ich habe das Heft als Fachberater begleiten dürfen und mich in einem längeren Interview, das den Abschluss des Heftes bildet, mit den Redakteuren über die heutige Faszination für die Wikingerzeit unterhalten.

Echte Wikinger waren Heiden, glaubten an Odin, Thor und die anderen Götter der Edda und lehnten das Christentum ab. Dies ist jedenfalls das Bild, dass uns in den Medien zumeist vermittelt wird. Die historische Realität sah dagegen ganz anders aus. Schon früh kamen die Menschen der skandinavischen Wikingerzeit mit dem christlichen Glauben in Berührung, auf ihren Handelsfahrten in den Süden und Westen oder durch christliche Händler, z. B. in Haithabu. Haithabu nahm bei der Christianisierung der Wikinger auch eine zentrale Rolle ein, denn um das Jahr 850 n. Chr. herum wird dem Mönch Ansgar, dem ‚Apostel des Nordens‘, erlaubt, in Haithabu eine Kirche zu errichten und zu predigen. Etwa einhundert Jahre später wird Haithabu zusammen mit den Siedlungen Ribe und Århus zum Bistum ernannt. Die eindrucksvolle große Bronzeglocke, die 1978 im Hafenbecken von Haithabu gefunden wurde, hängt möglicherweise damit zusammen. Viele Funde aus Haithabu weisen zudem deutlich darauf hin, dass viele Einwohner bereits Christen waren – oder zumindest diesen neuen Gott aus dem Süden, den sie als ‚Weißen Christus‘ bezeichneten, einfach in ihren Götterhimmel integrierten. So betete man nicht nur zu Odin und Thor, sondern auch noch zu Jesus Christus. Der eindrucksvollste Hinweis darauf ist sicherlich eine in Haithabu gefundene Specksteingussform, in der sowohl christliche Kreuze wie auch heidnische Thorshämmer, das Symbol des Donnergottes Thor, gegossen werden konnten. Dieser sogenannte „Synkretismus“, das Vermischen heidnischer und christlicher Glaubensvorstellungen war möglich, weil es keine allgemeingültige, dogmatische heidnische Religion gab, die überall in Skandinavien ausgeübt wurde. Es gab auch kein Buch ähnlich der Bibel, in dem stand, woran man zu glauben hatte. Die berühmte „Edda“ (eigentlich die Eddas, denn es gibt zwei Werke dieses Namens), die faszinierende Sammlung von Mythen über die altnordischen Götter und Helden, wurde erst Jahrhunderte nach der Wikingerzeit niedergeschrieben. So war es möglich, den neuen Gott und einzelne Aspekte des Christentums sukzessive in die heidnischen Glaubensvorstellungen zu integrieren, bis das Christentum gegen Ende der Wikingerzeit das Heidentum weitestgehend abgelöst hatte. Die Wikingerzeit ist daher eine sogenannte „Transitionsphase“, eine Phase des Überganges von den alten heidnischen Glaubensvorstellungen zum Christentum.

Seit wenigen Wochen ist der Genuss von Cannabis in Deutschland erlaubt. Wie aber sah es in der Vergangenheit aus? Kannten die Wikinger schon Cannabis und konsumierten sie Drogen?

Das Bild von Cannabis als Droge von Hippies und anderen Gestalten hat sich in unserer Zeit gefestigt, aber auch schon im wikingerzeitlichen Skandinavien kann Cannabis in Form von Pollen, Samen, Früchten und Fasern erkannt werden. Aber wofür haben die Wikinger Cannabis genutzt?        
In einigen Gräbern in Skandinavien wurden Textilfragmente aus Hanffasern gefunden, die eine Nutzung der Pflanze zur Herstellung von Kleidungstextilien belegt. Eine Nutzung als Rauschmittel ist dagegen deutlich schwieriger zu erkennen. Ein möglicher Fall ist das berühmte Grab von Oseberg. In dem eindrucksvollen und reich ausgestatteten Schiffsgrab am Oslofjord waren zwei Frauen neben zahlreichen Alltagsgegenständen bestattet. Unter den Beigaben fanden sich auch einige Cannabis-Samen. Aufgrund der besonders auffälligen Bestattungsumstände wurde oftmals vermutet, dass es sich bei zumindest einer der beiden Frauen um eine Zauberin oder Priesterin gehandelt haben könnte. In einem rituellen oder magischen Kontext könnten die Cannabis-Samen als Halluzinogen zur Erzeugung von Trancezuständen verwendet worden sein. Die starke Arthritis der älteren der beiden Frauen könnte aber auch auf eine weitere Nutzung von Cannabishindeuten: als Schmerzmittel.

Vor wenigen Wochen ist ein Artikel im schwedischen Fachjournal 'Current Swedish Archaeology' erschienen, in dem ich zusammen mit meinem Kollegen Lukas Kerk von der Universität Münster einige theoretische Gedanken über die Aussagekraft von Körpermodifikationen insgesamt und die Bedeutung von Zahnfeilungen und Schädeldeformationen in der skandinavischen Wikingerzeit vorgestellt habe. Der Artikel hat zu unserer Überraschung ein enormes Presse-Echo gefunden - bis zum Smithonian Magazine in den USA - und wird nun auch in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung besprochen.

Die Winter sind lang und dunkel in Nordeuropa. In der Wikingerzeit waren die Wintermonate für viele Menschen eine harte, entbehrungsreiche und vermutlich auch langweilige Zeit. Es war kalt und feucht und man musste Mensch und Vieh mit den in Sommer und Herbst angelegten Vorräten durchbringen. Waren die langen Tage im Sommer von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang voller Arbeiten, ruhte das Leben auf dem Hof im Winter fast völlig. Man ging in den wenigen hellen Stunden auf die Jagd, ansonsten hielten sich die Menschen so weit es ging in den Häusern auf. Bei Schnee und Eis waren weder Ackerbau noch andere Arbeiten im Freien auf dem Hof möglich und das Vieh, das im Herbst nicht geschlachtet worden war, war im Stall. In den nur spärlich durch das Herdfeuer und kleine Talglampen beleuchteten dunklen Häusern war auch Handwerk und Handarbeit nur eingeschränkt möglich. Während man im Sommer am Ende eines anstrengenden Arbeitstages vermutlich erschöpft auf die Schlafstelle fiel, saß man nun den ganzen Tag mit Familie und Gesinde am Herdfeuer und musste sich beschäftigen. Sicherlich geht die Vorliebe der wikingerzeitlichen Menschen, selbst profanste Alltagsgegenstände wie Löffel oder Messergriffe aufwändig mit geschnitzten Mustern zu verzieren auf diese langen, dunklen Wintertage zurück.

Vor allem aber haben wir dem nordischen Winter einen einzigartigen Schatz zu verdanken: die altnordische Sagaliteratur mit ihrer Fülle an ebenso spannenden wie lebendigen Geschichten über Könige und Skalden, Helden und Bauern der Wikingerzeit. Diese Sagas – ob auf reale historische Ereignisse zurückgehend oder erfundene Geschichten abenteuerlicher Reisen – wurden zur Unterhaltung, vielleicht aber auch als belehrende oder mahnende Beispiel, von einer Generation an die nächste weitergegeben. Ob die uns heute bekannten altnordischen Sagas so auch schon in der Wikingerzeit erzählt wurden oder ob sie literarische Neuschöpfungen des 13./14. Jh. sind, lässt sich nicht mehr sicher sagen. Ihr Kern – die Freude an Erzählungen über heroische Kriegern, wortgewandte Skalden oder gewitzte Bauernjungen – geht aber ganz sicher auf die Wikingerzeit zurück. Und mit Sicherheit wurden solche Sagas auch an den Herdfeuern in Haithabu erzählt.

Da ich seit fast 25 Jahren großer Fan der schwedischen Viking-Death-Metaller von Amon Amarth bin, hat es mich enorm gefreut, für 'Grimfrost', das 'Viking-Lifestyle-Label' von Amon Amarth-Frontmann Johan Hegg für den ersten Blog-Beitrag einer neuen Serie angefragt worden zu sein. Zur Feier des 10-jährigen Bestehens von 'Grimfrost' erscheint in diesem Jahr jeden Monat ein Blogbeitrag eines Archäologen zu verschiedenen Themen rund um die skandinavische Wikingerzeit. Ich durfte dieses tolle Projekt nun im Januar mit einem englischen Beitrag zu "Tattoos and Teeth Modification in Viking Age Scandinavia" eröffnen und bin sehr gespannt auf die noch folgenden Beiträge.

Im vergangenen Herbst und Winter sind einige Fachaufsätze von mir zu verschiedenen Themen erschienen, die allerdings vorerst nicht online frei zugänglich sind.

  • In dem Sammelband 'Animals and Animated Objects in Past Societies. New Approaches in Archaeology 1', herausgegeben von meinem guten Freund Leszek Gardeła, zusammen mit Kamil Kajkowski, ist ein Aufsatz von mir zu dem Thema 'Horse Burials on Viking Age Gotland. Between Mounted Warriors and Totemic Animals' erschienen. Darin untersuche ich die Funktion und Symbolik von Pferden in wikingerzeitlichen Bestattungen auf Gotland.
  • Als Begleitband zu der kommenden Sonderausstellung zu den völur, den Seherinnen der Wikingerzeit, im dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen ist im Spätsommer das Buch 'The Norse Sorceress: Mind and Materiality in the Viking World' erschienen, herausgegeben von Leszek Gardeła, Sophie Bønding und Peter Pentz. In meinem Aufsatz 'Ritualised Executions and Human Sacrifices in the Viking World' diskutiere ich die Nachweise für Menschenopfer in der Wikingerzeit und deren mögliche Funktionen.
  • Ebenfalls um Menschenopfer in der Wikingerzeit und die Frage nach ihrer sozio-politischen Funktion geht es in meinem Kapitel 'Ritual Killings as Resource Complex in the Viking Age Funeral Ceremony' in dem Sammelband 'Human Sacrifice and Value: Revisiting the Limits of Sacred Violence from an Archaeological and Anthropological Perspective', herausgegeben von Matthew Walsh et al.
  • In einem kurzen, populärwissenschaftlichen Artikel in der 'Archäologie in Deutschland' hatte ich mich zusammen mit Leszek Gardeła vor ein paar Jahren bereits einmal der Frage von militärischer Symbolik in Frauengräbern der Wikingerzeit gewidmet. Nun haben wir gemeinsam einen Fachartikel in der neuesten Ausgabe des schwedischen Journals 'Fornvännen' mit dem Titel 'Transformative Objects: Rethinking Weapons in Viking Age Female Graves' publiziert. Der Artikel wird Mitte 2024 als PDF auf der Webseite von 'Fornvännen' frei zugänglich sein.
  • Der Frage nach Körpermodifikationen in der Wikingerzeit und deren Funktion als Symbole gesellschaftlicher Kommunikation gehen mein Kollege Lukas Kerk und ich in einem Aufsatz mit dem Titel 'Body Modification on Viking Age Gotland – Artificially Modified Skulls and Filed Teeth as Embodiment of Social Identities' nach, der in den nächsten Tagen in dem schwedischen Fachjournal 'Current Swedish Archaeology' veröffentlicht werden wird und dann auch direkt online zugänglich ist.

In der heutigen Gesellschaft wird gerade in der Vorweihnachtszeit oft Kritik an einer ausufernden, kapitalistischen und rein materialistischen Kultur des Schenkens laut. Das Austauschen von Geschenken ist jedoch schon immer wichtig gewesen, um soziale Relationen – Partnerschaften, familiäre Zusammengehörigkeit, Freundschaften aber auch diplomatische oder geschäftliche Beziehungen – zu stärken. In der Wikingerzeit hatte das gegenseitige Beschenken eine hohe soziale Bedeutung. Als Gast brachte man dem Gastgeber Geschenke mit, erhielt aber bei Abreise ebenfalls Geschenke. Der materielle – aber auch der ideelle – Wert dieser Geschenke sagte viel über die gegenseitige Wertschätzung der sich Beschenkenden und über ihre jeweilige soziale Stellung aus. Ähnlich wie heute versicherten sich so Freude der gegenseitigen Zuneigung, Geschäfts- oder Bündnispartner bestätigten ihr ernsthaftes und aufrichtiges Interesse an einer Partnerschaft und junge Schwiegersöhne erkauften sich das Wohlwollen oder zumindest die Akzeptanz ihrer (zukünftigen) Schwiegerfamilie.

Besonders wichtig waren Geschenke aber für den Machterhalt der Herrscher, seien es Könige, lokale Anführer oder nur der örtliche Großbauer. Durch besonders großzügige Gaben – Schwerter, Kleidung und besonders Armringe aus Gold und Silber – erkauften die Herrscher sich die Treue ihrer Gefolgsmänner. Diese sogenannten Gefolgschaftsgeschenke zeichnete den Empfänger zum einen vor den übrigen Kriegern als besonders loyal oder tapfer aus und verstärkten dessen Bindung zum Herrscher, spornten zum anderen aber die anderen Krieger durch die Aussicht auf eine solche materielle Belohnung als Gunstbezeugung wiederum zu tapferem Verhalten und Loyalität an. Gleichzeitig konnte die jeweilige Gefolgschaftsgabe auch durchaus von symbolischer Bedeutung sein und ein bestimmtes Verhalten vom Empfänger einfordern. So erhält der Protagonist Hallfreð in der altnordischen Hallfreðar saga vandræðaskálds von dem norwegischen König Óláf ein kunstvoll gearbeitetes Schwert als Lohn für ein Preisgedicht, das Hallfreð auf den König gedichtet hatte. Er bekommt das Schwert jedoch ohne Scheide überreicht, mit der Vorgabe, so vorsichtig damit umzugehen, dass er niemandem Schaden zufüge. Erst nach einigen Eskapaden am Königshof schenkt der König ihm demonstrativ die dazugehörige Scheide. Diese Gefolgschaftsgaben im Austausch für Loyalität waren für den Machterhalt der Herrscher in der skandinavischen Wikingerzeit so bedeutend, dass Freigiebigkeit als Tugend eines guten Königs galt; wer seine Gefolgschaft reich beschenkte, hatte viele loyale Krieger und war folglich mächtig. So finden sich in der Dichtkunst der Wikingerzeit viele, auf den ersten Blick überraschende Umschreibungen für ‚Herrscher‘ oder ‚König‘ wie z. B. hoddglǫtuðr, ‚der Schatz-Zerstörer‘ oder hringvarpaðar, ‚der Ring-Werfer‘, die darauf anspielen, dass der ideale Herrscher sein Gefolge üppig beschenkt.

In der Reenactment-/Living History-Szene und unter so manchen Wikinger-Fans hält sich seit Jahren hartnäckig die Aussage, dass Thorshämmer – kleine Amulette zumeist aus Edelmetall in Form eines Hammers, die als Symbol des Donnergottes Thor zu deuten sind – ausschließlich von Frauen getragen wurden. Diese Aussage wird selbst von ausgebildeten Archäologen regelmäßig vertreten. Da sie vor allem in politischen Kontexten auftritt, erscheint der Sinn hinter diesem Mantra eindeutig: Der rechten Szene soll ein beliebtes Symbol madig gemacht werden, indem man den so populären und als Symbol für Stärke, Männlichkeit und Kampfeskraft gedeuteten Thorshammer zu einem reinen Frauensymbol umdeutet. Nur weil eine Aussage aber einen durchaus hehren Zweck verfolgt – nämlich ein zentrales und auch von vielen unpolitischen Menschen getragenes Symbol den Rechten zu nehmen – wird sie dadurch aber noch lange nicht wahr. Und gerade wir Archäologen sollten in der jüngeren Vergangenheit gelernt haben, dass Geschichte niemals zur Legitimierung politischer Ziele herangezogen werden darf, mögen diese Ziele auch noch so gut sein.

Da die Diskussion um das Vorkommen von Thorshämmern von Kurzem wieder in meinem Umfeld aufflammte, möchte ich die tatsächliche Fundsituation einmal anhand der zentralen Literatur beleuchten.

Obgleich der Thorshammer sicherlich das bekannteste Symbol der Wikingerzeit ist, ist die Forschung dazu recht überschaubar. Die zentrale Publikation hat mein vor fünf Jahren verstorbener Doktorvater Prof. Dr. Jörn Staecker mit seiner Dissertation „Rex regum et dominus dominorum. Die wikingerzeitlichen Kreuz- und Kruzifixanhänger als Ausdruck der Mission in Altdänemark und Schweden“ 1999 vorgelegt (Jörn Staecker: Rex regum et dominus dominorum. Die wikingerzeitlichen Kreuz- und Kruzifixanhänger als Ausdruck der Mission in Altdänemark und Schweden. Lund Studies in Medieval Archaeology 23. Stockholm 1999). Die Arbeit erfasst 98 Thorshammeranhänger aus Dänemark und Süd- und Mittelschweden. Das Material aus der schwedischen Region Uppland – inklusive der Funde aus dem berühmten Handelsplatz von Birka im Mälaren – wurde 1970 in einer Abschlussarbeit durch Krister Ström ausgewertet, der auch die sogenannten „Thorshammerringe“ – eiserne Halsreife mit Anhängern in Form von Hämmern – mit einbezogen hat (Krister Ström: Om fynden av torshammarringar. Lic. avhandling, Stockholms Universitet. Stockholm 1970). Eine Zusammenfassung seiner Auswertung mit einem Schwerpunkt auf Birka wurde in Band 2 der Birka Studies veröffentlicht (Krister Ström: Thorshammerringe und andere Gegenstände des heidnischen Kults, in: Greta Arwidsson (Hrsg.): Birka II:1. Systematische Analysen der Gräberfunde. Stockholm 1984, S. 127–140.). Daneben gibt es eine Reihe von kürzeren Aufsätzen zu Thorshämmern und Thorshammerringen (die unten stehende Liste ist sicherlich nicht vollständig, umfasst aber die in meinen Augen zu der hier besprochenen Frage zentrale Literatur):

  • Gesine Schwarz-Mackensen: Thorshämmer aus Haithabu – Zur Deutung wikingerzeitlicher Symbole, in: Kurt Schietzel (Hrsg.): Das archäologische Fundmaterial III. Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, Bd. 12. Neumünster 1978, S. 85–93.
  • Galina L. Novikova: Iron neck-rings with Thor's hammers found in Eastern Europe. Fornvännen 87. 1992, S. 73–89.
  • Jörn Staecker: Thor’s Hammer – Symbol of Christianization and Political Delusion. Lund Archaeological Review 5. 1999, S. 89–104.
  • Egon Wamers: Hammer und Kreuz. Typologische Aspekte einer nordeuropäischen Amulettsitte aus der Zeit des Glaubenswechsels, in: Michael Müller-Wille (Hrsg.): Rom und Byzanz im Norden. Mission und Glaubenswechsel im Ostseeraum während des 8.–14. Jahrhunderts. Band 1. Mainz 1999, S. 83–107.
  • Sæbjørg Walaker Nordeide: Thor’s hammer in Norway. A symbol of reaction against the Christian cross?, in: Anders Andrén, Kristina Jennbert & Catharina Raudvere (Hrsg.): Old Norse religion in long-term perspectives. Origins, changes, and interactions. Vägar till Midgård 8. Lund 2006, S. 218–223.
  • Jasmin Lyman: Thorshammerrings – a new interpretation. CD-uppsats i arkeologi, Höskolan på Gotland. Visby 2007.

Etwa 27 % der 98 bis zum Jahr 1999 von Jörn Staecker für Dänemark und Süd- sowie Mittelschweden aufgenommenen Thorshämmer stammen aus Gräbern, der Großteil hingegen aus Depot- oder Siedlungsfunden. Sæbjørg Walaker Nordeide listet 12 Funde aus Norwegen auf, von denen vier aus Gräbern stammen. Von den sogenannten ‚Thorshammerringen‘ sind über 450 Exemplare bekannt, von denen über 90 % aus Gräbern stammen. Das Phänomen konzentriert sich deutlich auf die Region Uppland, einzelne Thorshammerringe sind aber auch von Gotland sowie aus Russland bekannt.

Die Verteilung der Thorshämmer als einfache Anhänger in den Gräbern ergibt ein interessantes Bild. Von den 15 Körpergräbern mit Thorshämmern, die Jörn Staecker für Dänemark und Süd-/Mittelschweden auflistet, handelt es sich bei 14 Gräbern (93 %) um Frauengräber. Unter den sieben Brandgräbern mit Thorshämmern sind drei Männerbestattungen, zwei Frauenbestattungen und zwei Bestattungen können nicht sicher einem Geschlecht zugewiesen werden. Der Anteil von Frauenbestattungen liegt hier bei 29 %. Bei den vier Gräbern mit Thorshämmern aus Norwegen, die Sæbjørg Walaker Nordeide auflistet, handelt es sich um zwei Männer- und zwei Frauenbestattungen, das Geschlechterverhältnis ist also ausgeglichen.

Auf ähnliche Relationen kommen auch Krister Ström und Jasmin Lyman bei ihren Auswertungen der Verteilung von Thorshammerringen in den Gräbern Upplands. Basierend auf dem bis 1970 ausgewerteten Material gibt Krister Ström eine Verteilung von 60 % in Frauengräbern zu 40 % in Männergräbern an. Jasmin Lyman geht basierend auf einer kritischen Reevaluation von Krister Ströms Katalog und den seit den 1970ern angetroffenen Exemplaren von einer annähernd ausgeglichenen Verteilung aus.

Allerdings ist hier nochmals etwas archäologische Quellenkritik notwendig. Frauenbestattungen sind – zumindest in der Wikingerzeit – zumeist einfacher zu identifizieren als Männerbestattungen, da Frauen oftmals mehr metallene Trachtelemente wie Fibeln oder anderer Schmuck mitgegeben wurde. Da besonders bei Altgrabungen, teilweise aber auch noch heute, die erhaltenen Knochen nicht immer von Anthropologen untersucht werden konnten, bestimmte man das Geschlecht der Toten zumeist ausgehend von dem Fundmaterial (die sogenannte ‚archäologische Geschlechtsbestimmung‘). Findet man in einem Grab aber keine aussagekräftigen Funde vor, die eine solche Geschlechtszuweisung wahrscheinlich machen, gehen diese Gräber als ‚unbestimmbares Geschlecht‘ in die Auswertung ein, auch wenn anzunehmen ist, dass es sich oftmals um Männergräber handelt. Dieser Umstand würde auch den Anteil von Männergräbern mit Thorshämmern und Thorshammerringen erhöhen.

Ein Fakt ist aber noch bedeutender: Ein Grab ist ein Grab ist ein Grab… das bedeutet nichts anderes, als dass Gräber nur bedingt Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Menschen geben. Wir können ausgehend von den oben diskutierten Befunden nur schlussfolgern, dass die Sitte, Thorshämmer und Thorshammerringe in Gräbern zu deponieren, offensichtlich nicht auf Frauengräber beschränkt war. Ob Thorshämmer und Thorshammerringe aber zu Lebzeiten nur von Frauen, nur von Männern, von beiden Geschlechtern oder vielleicht sogar von niemandem getragen wurden, können wir nicht mit letzter Sicherheit entscheiden.

Der archäologische Befund zur Verteilung von Thorshämmern und Thorshammerringen in Gräbern ist also zwar nicht eindeutig, aber doch deutlich anders als in der eingangs genannten und so oft wiederholten Aussage. Thorshämmer waren keinesfalls ausschließlich ein rein weibliches Symbol.

Das Thema ‚Heizen‘ beschäftigt in diesem Jahr viele Menschen, vor allem bei diesen winterlichen Temperaturen. Zusammen mit einem vollen Bauch ist ein warmer Wohnraum sicherlich eines der zentralen Grundbedürfnisse jedes Menschen. Wie aber wurde in der Wikingerzeit und vor allem hier in Haithabu geheizt?

Die klassischen Langhäuser der Wikingerzeit unterschieden sich nicht großartig von den Gebäuden, die bereits seit der Jungsteinzeit üblich waren. Zumeist waren es dreischiffige Hallengebäude, d. h. Häuser mit zwei Reihen von Innenpfosten in der Mitte des Gebäudes, die das Dach trugen. Diese Langhäuser waren bis zu 30 Meter lang und bis zu 8–9 Meter breit, die längste bislang bekannte wikingerzeitliche Halle, gelegen bei Borg auf den Lofoten in Nordnorwegen, maß sogar über 80 Meter in der Länge. Die Wände bestanden aus Holzbohlen, das Dach war mit Reet bzw. Stroh oder mit Torfsoden gedeckt, oder bei den großen Hallen der Herrscher auch mit hölzernen Dachschindeln. In der Mitte der Halle befand sich die zentrale Feuerstelle, die zum Kochen verwendet wurde und auch das Haus heizte. Bei großen Hallen konnte diese Feuerstelle mehrere Meter lang sein. Bei Minusgraden musste das Herdfeuer tagsüber durchgängig befeuert werden, um eine konstante Innentemperatur über dem Gefrierpunkt zu erreichen, wie experimentalarchäologische Versuche gezeigt haben. Dafür wurden enorme Mengen an Feuerholz benötigt. Gleichzeitig musste der Rauch abziehen können, was eine ausreichende Belüftung erforderte und damit wiederum einen Wärmeverlust bedeutete. Als zusätzliche Wärmequelle war es bereits Jahrhunderte vor der Wikingerzeit üblich geworden, das Vieh im selben Gebäude, sogenannte ‚Wohnstallhäuser‘, aufzustallen.

In Haithabu lässt sich anstelle der typischen hölzernen Langhäuser der ländlichen Gehöfte bereits eine besondere frühstädtische Architektur fassen. Die Wände der meisten Häuser zwischen den tragenden Pfosten bestanden nicht mehr aus Holzbohlen, sondern aus lehmverstrichenem Flechtwerk. Die Lehmwände hatten einen klimatischen Effekt, im Sommer blieben sie angenehm kühl, während sie im Winter die Wärme speicherten. Gleichzeitig konnte man durch diese Bauweise Mengen an Bauholz sparen, das für das Heizen benötigt wurde. Denn die Versorgung der Einwohner von Haithabu wird eine enorme logistische Herausforderung gewesen sein: der altnordische Name Heiðabýr bedeutet nichts Anderes als Siedlung (býr) auf der Heide (heiða), was nahelegt, dass Holz aus der Umgebung herangeschafft werden musste.