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Am 1. November wurde das Wikinger Museum Haithabu 40 Jahre alt. Diesen Geburtstag haben wir nicht nur bei der jährlichen Herbstmesse am letzten Oktoberwochenende im Museum gefeiert, nun erschien eine Würdigung auch noch mit einer Reportage im 'Schleswig-Holstein Magazin' am 30.11.2025. Diese Reportage ist sicherlich einzigartig, da in ihr drei Generationen des Museums zu Wort kommen; Kurt Schietzel, Ausgräber von Haithabu und Gründer des Museums, Ute Drews, die das Museum in ihren 30 Jahren als Leiterin zu diesem erfolgreichen Vorzeigemuseum gemacht hat, und ich als aktueller Leiter.

Am kommenden Montag, dem 10.11.2025, darf ich an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Rahmen der Ringvorlesung "Der Norden und der Osten: Sprache, Literatur und Kultur im nördlichen Ostseeraum" eine Gastvorlesung zu dem Thema "Í austrvegi. Birka, Byzanz und die Ethnogenese der Kiewer Rus" halten.

Der Vortrag beginnt um 18 Uhr und findet hybrid im Audimax, Hörsaal K, Christian-Albrechts-Platz 2 in Kiel statt; eine Online-Teilnahme ist mittels Anmeldung per Mail >hier< möglich.

Die richtige Ernährung liegt voll im Trend; viele Menschen kaufen gezielt ökologische, regionale und nachhaltige Lebensmittel, ernähren sich vegetarisch oder vegan folgen einem der vielen anderen Ernährungstrends, die ein gesundes Leben versprechen. Aber wie war das in der Wikingerzeit? Was aßen die Menschen in Haithabu?

Anders als in den populären Darstellungen in den Medien kam Fleisch bei den meisten Menschen in der Wikingerzeit nur sehr selten auf den Tisch. Grundlage der Ernährung war Getreide, wie Gerste, Roggen und in Haithabu auch Hirse und sogar etwas Weizen, das man entweder als Brei aß oder aus dem man Fladenbrot buk. Daneben spielte in Haithabu ebenso wie in vermutlich allen küstennah gelegenen Siedlungen im Skandinavien der Wikingerzeit der Fischfang eine große Rolle. Schon der arabische Reisende Ibrahim ibn Yakub, der Mitte des 10. Jh. Haithabu besuchte, schrieb davon, dass die Menschen dort sich viel von Fisch ernährten. Die archäozoologischen Untersuchungen an den Tierresten aus Siedlung und Hafenbereich von Haithabu zeigen, dass Hering der häufigste Speisefisch war, gefolgt von Barsch, Hecht, Karpfen und Plattfischen. Auch wenn man Wildfrüchte sammelte, so wurde – zumindest in Haithabu – den archäozoologischen Befunden nach kaum zur Nahrungsversorgung gejagt. Knochen von Wildtieren wie Rothirsch, Reh, Wildschwein und Wildvögel waren in den Speiseabfällen selten. Neben Hühnern, die man sicherlich hauptsächlich wegen ihrer Eier und Federn hielt, wurde vor allem Schweine und Rinder für den Verzehr geschlachtet. Schafe und Ziegen hielt man in erster Linie wegen ihrer Milch und dem Fell bzw. Leder, gegessen wurden sie aber auch. Während Getreide und Rindfleisch aus dem Hinterland stammten, konnten Schweine, Hühner, Schafe und Ziegen auch im dicht besiedelten Haithabu gehalten werden. Einige Hausparzellen in Haithabu wiesen auf ihrer rückwärtigen Seite kleine unbebaute Bereiche auf, die man möglicherweise als kleine Gärten für die Selbstversorgung nutzte und in denen Pferdebohne, Lein und möglicherweise auch Rüben angebaut wurden.

Am 10. September begann die voraussichtlich letzte Reise des berühmten Oseberg-Schiffes. Nach mehr als zehn Jahren Planung wurde das vermutlich schönste und am besten erhaltene Wikingerschiff der Welt aus dem alten Vikingskipshuset auf Bygdøy, Oslo, in die neuen Räumlichkeiten des angeschlossenen neuen Vikingtidsmuseet transportiert. Ein Video des Umzuges im Zeitraffer findet Ihr >hier<. In dem Erweiterungsbau, der sich ringförmig an das alte, 1926 errichtete und fast wie eine Kirche wirkende Museumsgebäude anschließt, soll voraussichtlich 2027 die größte und modernste Ausstellung zur Wikingerzeit sowie ein eigenes Forschungszentrum eröffnet werden.

Das Osebergschiff im Vikingskipshuset auf Bygdøy, Ende der 1920er Jahre.
© UiO – Museum of Cultural History, University of Oslo (CfO0856A); CC BY-SA 4.0

Das alte Vikingskipshuset wurde 1926 auf Betreiben des – zu dem Zeitpunkt allerdings tragischerweise bereits verstorbenen – schwedischen Archäologen und Ausgräber des Oseberg-Schiffes, Gabriel Gustafson, errichtet. Mit dem Oseberg-Schiff, dem Gokstad-Schiff und dem kleineren Schiff von Tune beherbergte das Vikingskipshuset die drei am besten erhaltenen und berühmtesten Wikingerschiffe (>hier< könnt Ihr einen letzten virtuellen Rundgang um das Oseberg-Schiff in der alten Ausstellung machen). Mehr zu Gabriel Gustafson, dem tragischen Pionier der schwedischen und norwegischen Archäologie und der ersten Reise des Oseberg-Schiffes nach Bygdøy vor genau 99 Jahren findet Ihr >hier< und einen Artikel von mir zu den beiden Schiffsgräbern von Gokstad und Oseberg könnt Ihr >hier< lesen.

Das benachbarte Gokstad-Schiff soll Anfang November folgen.

Mehr zum neuen Vikingtidsmuseet findet Ihr auf der Webseite der Universitetet i Oslo.

Etwa Sieben Kilometer nördlich des dänischen Aarhus, nahe des Dörfchens Lisbjerg, wurde vor wenige Wochen ein Gräberfeld der Wikingerzeit mit 30 Bestattungen entdeckt. Während das Knochenmaterial in den Gräbern bis auf wenige Fragmente und die Zähne weitestgehend vergangen war, enthielten einige Gräber reiche Beigaben, darunter auch eine in den 960er-Jahren in Haithabu geprägte Münze. Das Gräberfeld kann daher in die Zeit des berühmten dänischen Königs Harald Blauzahn in das späte 10. Jahrhundert datiert werden.

Nur wenige hundert Meter von dem Gräberfeld entfernt lag im 10. Jahrhundert der bereits seit den späten 1980er Jahren bekannte Hof Stormandsgården, der als Sitz einer lokalen Elite gedeutet wird. Die mit fast zwei Hektar Fläche beeindruckende Hofanlage war mit einer Palisade umzäunt und lag an der zentralen wikingerzeitlichen Wegstrecke, die aus dem nordöstlichen Jütland nach Aros, dem wikingerzeitlichen Vorläufer von Aarhus und eine der wichtigsten Siedlungen dieser Zeit in Dänemark, führte.

Die Funde in vielen Gräbern weisen darauf hin, dass Lisbjerg als Bestattungsplatz für den Elitensitz bei Stormandsgård gedient hat und dort die Angehörigen der herrschenden Familie beigesetzt wurden. Besonders deutlich zeigt dies ein kleines Eichenholzkästchen mit versilberte Metallbeschlägen und fein gearbeiteten Scharnieren und Verschluss aus einem Frauengrab. Röntgenaufnahmen zeigten, dass in dem Kästchen neben einer Fibel und einer silbernen Filigranperle auch Textilwerkzeug lag – eine Schere, eine Nadel und feiner Goldfaden für die Verzierung von Kleidung.

Die Funde von Lisbjerg sind ein weiteres, ebenso wichtiges wie spannendes Mosaikteilchen, das uns neues Wissen über das Hinterland der großen Siedlungen – Haithabu, Ribe, Jelling, Aros – und über das Netzwerk der Machtstrukturen im frühen dänischen Königreich liefert.

Vorletzte Woche hatte ich die Ehre und das große Vergnügen Gast und Interviewpartner in dem Videoblog 'Archaeodeath' von Prof. Howard Williams zu sein. Prof. Williams lehrt an der Universität Chester und ist sicherlich der Vorreiter in der Forschung zur 'burial archaeology', zum Umgang mit Tod und Bestattungen im europäischen Frühmittelalter. Darüber hinaus ist er enorm aktiv in der populären, medialen Vermittlung von Wissen zur Archäologie und zum Frühmittelalter. Ich schätze, dass kein anderer Wissenschaftler meine Forschung in den letzten Jahren so geprägt hat, wie er. Daher war es für mich ein persönliches Highlight, mit ihm über die Archäologie der Wikingerzeit, Gotland im Speziellen und auch das heutige populäre "Nachleben" der Wikinger, das 21st-Century-Viking-Age zu sprechen.

Vor wenigen Wochen hatte ich die große Ehre, im Studio von Grimfrost zu Gast zu sein und mit Johan Hegg - seines Zeichens Frontmann von Amon Amarth - über Reenactment, die Wikingerzeit und meine Forschung zu sprechen. Das Video-Interview ist nun als Folge 6 des Podcasts "Explore the Viking Age" von Grimfrost erschienen und bei Youtube zu sehen.

Schulen oder Kindergärten gab es in der Wikingerzeit noch nicht. Die Kinder lernten fast alles von den Erwachsenen. So mussten sie schon früh ihren Eltern bei der alltäglichen Arbeit helfen: Sie mussten Brennholz sammeln, Tiere hüten oder auf die jüngeren Geschwister aufpassen. Die Mädchen halfen der Mutter bei der Hausarbeit, die Jungen ihren Vätern in der Werkstatt, auf den Feldern oder beim Fischen und erlernte so die Fähigkeiten für ihr späteres Leben. Trotzdem haben auch die Kinder in der Wikingerzeit oft Freizeit gehabt, in der sie verschiedenste Spiele miteinander spielten. In Haithabu wurden verschiedenste Gegenstände gefunden, die als Kinderspielzeug gedeutet werden können: kleine geschnitzte Schiffe aus Holz, mit denen die Kinder in Haithabu am Hafen spielerisch selbst „in See stechen“ konnten oder Poppen aus Holz und Knochen. An anderen Fundplätzen in Skandinavien sind kleine Holzschwerter gefunden worden, mit denen die Jungen den großen Kriegern nacheifern konnten, unterschiedlichste Tierfiguren aus Holz, Knochen oder Bernstein wie kleine Pferde, Enten oder Katzen sowie Lederbälle und Kreisel. Im Winter, wenn man sich in die dunklen Häuser zurückzog, spielten die Kinder sicherlich auch ähnliche Spiele wie die Erwachsenen: Würfelspiele mit kleinen Knochenwürfeln oder das beliebte Brettspiel Hnefatafl, bei dem ein Spieler die Rolle des Verteidigers übernimmt, der mit seinem König vom Spielfeld zu fliehen versucht, während der andere Spieler als Angreifer die Königsfigur festsetzen muss.

Auch wenn wir nicht allzu viel über Leben und Alltag von Kindern in der Wikingerzeit wissen – das archäologische Fundmaterial spiegelt zumeist nur das Leben der Erwachsenen wider – zeigen die Funde von Spielzeug eindrücklich auf, dass auch in Haithabu das Lachen und Kreischen spielender Kinder durch die Gassen hallte.

Das aktuelle Magazin von 'Zeit Geschichte: Wikinger' widmet sich ausführlich auf über 120 Seiten der Wikingerzeit. Mehr als 20 Beiträge, teilweise verfasst von international renommierten Fachleuten beleuchten unterschiedliche Aspekte dieser Epoche und auch für echte 'Wikinger-Kenner' findet sich noch die ein oder andere neue Information. Ich habe das Heft als Fachberater begleiten dürfen und mich in einem längeren Interview, das den Abschluss des Heftes bildet, mit den Redakteuren über die heutige Faszination für die Wikingerzeit unterhalten.

Echte Wikinger waren Heiden, glaubten an Odin, Thor und die anderen Götter der Edda und lehnten das Christentum ab. Dies ist jedenfalls das Bild, dass uns in den Medien zumeist vermittelt wird. Die historische Realität sah dagegen ganz anders aus. Schon früh kamen die Menschen der skandinavischen Wikingerzeit mit dem christlichen Glauben in Berührung, auf ihren Handelsfahrten in den Süden und Westen oder durch christliche Händler, z. B. in Haithabu. Haithabu nahm bei der Christianisierung der Wikinger auch eine zentrale Rolle ein, denn um das Jahr 850 n. Chr. herum wird dem Mönch Ansgar, dem ‚Apostel des Nordens‘, erlaubt, in Haithabu eine Kirche zu errichten und zu predigen. Etwa einhundert Jahre später wird Haithabu zusammen mit den Siedlungen Ribe und Århus zum Bistum ernannt. Die eindrucksvolle große Bronzeglocke, die 1978 im Hafenbecken von Haithabu gefunden wurde, hängt möglicherweise damit zusammen. Viele Funde aus Haithabu weisen zudem deutlich darauf hin, dass viele Einwohner bereits Christen waren – oder zumindest diesen neuen Gott aus dem Süden, den sie als ‚Weißen Christus‘ bezeichneten, einfach in ihren Götterhimmel integrierten. So betete man nicht nur zu Odin und Thor, sondern auch noch zu Jesus Christus. Der eindrucksvollste Hinweis darauf ist sicherlich eine in Haithabu gefundene Specksteingussform, in der sowohl christliche Kreuze wie auch heidnische Thorshämmer, das Symbol des Donnergottes Thor, gegossen werden konnten. Dieser sogenannte „Synkretismus“, das Vermischen heidnischer und christlicher Glaubensvorstellungen war möglich, weil es keine allgemeingültige, dogmatische heidnische Religion gab, die überall in Skandinavien ausgeübt wurde. Es gab auch kein Buch ähnlich der Bibel, in dem stand, woran man zu glauben hatte. Die berühmte „Edda“ (eigentlich die Eddas, denn es gibt zwei Werke dieses Namens), die faszinierende Sammlung von Mythen über die altnordischen Götter und Helden, wurde erst Jahrhunderte nach der Wikingerzeit niedergeschrieben. So war es möglich, den neuen Gott und einzelne Aspekte des Christentums sukzessive in die heidnischen Glaubensvorstellungen zu integrieren, bis das Christentum gegen Ende der Wikingerzeit das Heidentum weitestgehend abgelöst hatte. Die Wikingerzeit ist daher eine sogenannte „Transitionsphase“, eine Phase des Überganges von den alten heidnischen Glaubensvorstellungen zum Christentum.