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In dem Sonderforschungsbereich 'RessourcenKulturen' (SFB 1070), in dem ich die letzten Jahre an der Universität Tübingen gearbeitet habe, haben wir nun als Ergebnis der letzten Förderphase einen Sammelband herausgegeben, in dem wir aus unterschiedlichen Perspektiven die Definition und Bedeutung von ‚Ressourcen‘ diskutieren. Der gesamte Band kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

In meinem Beitrag habe ich mich damit beschäftigt, wie Bestattungen und Gräber in der Wikingerzeit als eine Art von Ressource genutzt worden sein könnten, um dadurch eine spezifische Identität zu signalisieren und so Ansprüche auf Besitz oder Herrschaft zu präsentieren oder zu konstruieren. Mein Beitrag kann hier heruntergeladen werden.

Eine neue Theorie zu der symbolischen Bedeutung der Schiffsgräber in der Vendel- und Wikingerzeit wurde vor Kurzem von dem norwegischen Archäologen und Schiffsexperten Jan Bill, Professor für Archäologie der Wikingerzeit an der Universität Oslo und Kurator des Wikingerschiffsmuseums, vorgeschlagen.

Ausgehend von zwei Passagen in dem angelsächsischen Heldenepos Beowulf bringt Bill in einem Kapitel in dem Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 'Rulership in 1st to 14th Centrury Scandinavia' (hier kostenfrei als pdf einsehbar) die Schiffsbestattungen vom 7.–9. Jahrhundert mit einem mythischen Herkunftsmythos des dänischen Königshauses in Verbindung, der für das Selbstverständnis und möglicherweise auch die Legitimierung der vorchristlichen Herrscher von Bedeutung gewesen sein könnte.

Erste Seite der einzigen überlieferten Handschrift des Beowulf im Nowell Codex (Cotton Vitellius A.x.v. 129 r.), British Library.
© British Library/gemeinfrei

Das titellose und heute nach dem Helden Beowulf (Bienen-Wolf, eine poetische Umschreibung – kenning – für ‚Bär‘, nach anderen Quellen auch Beadowulf, ‚Kriegs-Wolf‘) benannte Epos ist der bedeutendste angelsächsische Text und sicherlich eines der prägendsten Heldenepen der Geschichte. Es wurde vermutlich im 8. Jahrhundert komponiert, möglicherweise basierend auf einer noch älteren Fassung, ist aber nur durch eine einzige Kopie aus dem frühen 11. Jahrhundert überliefert. Das in einem westsächsischen Dialekt in angelsächsischen Stabreimen verfasste Gedicht schildert in zwei Teilen die Erlebnisse des gautischen (aus dem Bereich des heutigen Götaland im mittleren Südschweden) Helden Beowulf. Dieser reiste mit einer Schar seiner Gefährten an den Hof des dänischen Königs Hrothgar, um diesem dort im Kampf gegen das Ungeheuer Grendel beizustehen, das die Halle des Königs heimsucht. Nach dem Sieg über Grendel und dessen Mutter kehrt Beowulf nach Götaland zurück und erringt dort die Krone. Sein Reich wird jedoch von einem Drachen bedroht, dem er sich im Kampf stellen muss. Zwar besiegt Beowulf den Drachen, wird jedoch von diesem tödlich verwundet.

Zentral für die von Bill vorgeschlagene Theorie ist die Beschreibung von Skjöld (im Beowulf als Scyld Scefing), dem legendären Stammvater der dänischen Skjöldungen-Dynastie. Skjöld ist auch aus mehreren späteren Quellen bekannt – darunter Snorri Sturlusons Edda und der ebenfalls von ihm verfassten Ynglinga saga in der Heimskringla, der Geschichte der norwegischen Könige, oder aus Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum. Im Beowulf wird beschrieben, wie Skjöld als Kind in einem Schiff und ausgestattet mit wertvollen Waffen an den Küsten Dänemarks angetrieben und vom dänischen König adoptiert wird. Als Erbe des dänischen Herrschers begründet dieses fremde und dem Mythos nach direkt vom Gott Odin abstammende Kind somit eine neue Königsdynastie. Auch bei seiner Bestattung spielt das Schiff wieder eine zentrale Rolle: Auf seinen eigenen Wunsch wird sein Leichnam, wieder mit seinen Waffen, in einem Schiff auf das Meer hinausgeschoben und verschwindet in den Fluten.

Das Schiffsgrab von Gokstad am Oslofjord bei der Ausgrabung 1880 als eines der eindrucksvollsten Beispiele für wikingerzeitliche Schiffsbestattungen.
© Kulturhistorisk Museum/UiO 2020; CC BY-SA 4.0

Der Mythos dieses fremden und von den Göttern abstammenden Herrschers war, wie die späteren Quellen nahelegen, von großer Bedeutung für das Selbstverständnis und die Legitimität der dänischen Könige in der vorwikingerzeitlichen Vendelzeit und der frühen Wikingerzeit. Der durchaus überzeugenden Theorie von Jan Bill nach könnten die Schiffsbestattungen als Aufgriff dieses Mythos gedeutet werden: Durch die Bestattung in einem Schiff sollte die Abstammung von dem legendären Gründervater Skjöld und damit die eigene Legitimität als Herrscher verdeutlicht werden.

Covid19-bedingt etwas verspätet ist diese Woche endlich ein Artikel veröffentlicht worden, den ich zusammen mit meiner Kollegin Valerie Palmowski geschrieben habe und in dem wir die drei bislang bekannten Fälle von intentionalen Schädeldeformationen der skandinavischen Wikingerzeit aus archäologischer, anthropologischer und vor allem identitätstheoretischer Perspektive diskutieren.

Der Beitrag ist erschienen in der Fachzeitschrift 'Germania' und kann hier heruntergeladen werden.

In der aktuellen National Geographic ist ein spannender Artikel zu einer neuen Studie zu Bestattungen in Bauchlage im Hoch- und Spätmittelalter im deutschsprachigen Raum erschienen, für den ich um ein paar Kommentare gebeten wurde.

In der aktuellen Ausgabe der NZZamSonntag vom 06.06.2020 ist ein längerer Artikel zu Doppelbestattungen in der Vor- und Frühgeschichte erschienen, in dem ich dankenswerterweise als Spezialist zur Wikingerzeit zu Wort komme.

Im mittelnorwegischen Trøndelag wurden im Oktober zwei aufsehenerregende Bootsgräber der Wikingerzeit entdeckt, wie das NTNU University Museum in Trondheim nun bekannt gegeben hat. Bei der älteren Bestattung aus dem 8. Jh. - also dem Übergang zwischen der Vendel- und der Wikingerzeit - handelt es sich um das Grab eines Mannes, der mit seinen Waffen in einem 9-10 Meter langen Boot unter einem Grabhügel bestattet wurde. Über hundert Jahre später wurde der Grabhügel in der zweiten Hälfte des 9. Jh. wieder geöffnet und eine zweite Bestattung in einem Boot sorgfältig in dem ausgegrabenen älteren Bootsgrab niedergelegt. Diesmal handelte es sich um eine Frau, die mit reinen Schmuckbeigaben aus vergoldeter Bronze in einem etwas kleineren Boot beigesetzt wurde.

Nachbestattungen in älteren Grabhügeln oder sogar konkret in den älteren Gräbern sind nichts Ungewöhnliches in der Wikingerzeit und können sowohl im Abstand von wenigen Jahren wie auch im Abstand von mehreren Jahrhunderten vorkommen. Die Niederlegung eines Grabbootes in ein älteres Bootsgrab ist jedoch ein bislang kaum bekanntes Phänomen. Die Bedeutung dieser Handlung ist unklar. Vermutlich sollte durch die zweite Bestattung in dem Grab die Verwandtschaft der Frau mit dem ursprünglich dort bestatteten Mann hervorgehoben werden, um durch diese Familientradition einen besonderen Machtanspruch zu verdeutlichen. Möglich wäre aber auch, dass es zwischen den beiden Bestattungen zu einem sozio-politischen Umsturz kam und die neuen Machthaber durch diese Bestattung die früheren Herrscher symbolisch unter sich begraben wollten. Auf eine Klärung dieser Frage lassen aDNA- und Strontiumisotopenanalysen an den allerdings nur sehr schlecht erhaltenen Knochen hoffen.

Ein deutscher Artikel zu dem Fund ist in den 'Stuttgarter Nachrichten' erschienen, garniert mit Ausschnitten aus einem längeren Interview mit mir.

Dankenswerter Weise hat es der Ullstein Buchverlag/Propyälen mir ermöglicht, für das Buch 'Die Wikinger. Entdecker und Eroberer' drei neue künstlerische Rekonstruktionen von wikingerzeitlichen Bestattungssituationen anfertigen zu lassen, die neben einigen weiteren Rekonstruktionszeichnungen von Flemming Bau, Mirosław Kuźma und Anders Kvåle Rue die Wikingerzeit wieder ein Stück lebendiger und greifbarer machen und die ich - begeistert von den Ergebnissen - gerne schon jetzt einmal präsentieren möchte!

Von dem polnischen Künstler Mirosław Kuźma, der bereits für seine Grabrekonstruktionen berühmt ist, kommen die Rekonstruktionszeichnungen von zwei gotländischen Gräbern, die mir in den letzten Jahren meiner Forschung ans Herz gewachsen sind: Zum einen ist dies das Grab 505 von Ire, Hellvi sn, in dem ein halbwüchsiger Knabe mit der Ausstattung eines Reiterkriegers bestattet wurde, was ein wunderbares Beispiel dafür ist, dass Bestattungen nicht die Lebensrealität abbilden. Zum anderen ist das die Bestattung einer Frau mit künstlich deformiertem Schädel in Grab 192 von Havor, Hablingbo sn, ein beeindruckender Beleg für die weiten Verbindungen der Wikinger bis in den südosteuropäischen und möglicherweise sogar mittelasiatischen Raum.

Das dritte Bild wurde von dem Berliner Künstler Leonard Ermel nach meinen Vorgaben angefertigt und illustriert auf beeindruckend intensive und atmosphärische Weise, wie die berühmte Bestattungszeremonie eines Rus-Häuptlings an der Wolga ausgesehen haben könnte, die von dem arabischen Diplomaten Ibn Fadlan beschrieben wurde. Ibn Fadlan - dessen Augenzeugenbericht wir aufgrund der enormen Übereinstimmungen zu archäologischen Befunden von wikingerzeitlichen Bestattungen als weitestgehend verlässlich ansehen können - schildert hochkomplexe und vielschichtige Rituale mit Blut, Sex und Gewalt; eine sensorische Reizüberflutung, die für die Beteiligten zu einem kaum mehr nachvollziehbaren intensiven Erleben geführt haben muss.

Ibn Fadlan

Unter 'Publikationen' ist nun ein neuer Fachartikel zu Tod und Bestattung in der Wikingerzeit online abrufbar. Der Artikel basiert auf einem Vortrag von mir bei der Konferenz 'Medieval Scandinavia: new trends in research' des Centre of Historical Research von Juni letzten Jahres und ist in der, als Tagungsband fungierenden, aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Quaestiones Medii Aevi Nova abgedruckt.

In dem Artikel untersuche ich die 'Nutzung' von Tod und Bestattungen als eine Form von Ressource zur Konstruktion oder Manipulation von sozialen Identitäten und Führungs- oder Herrschaftsansprüchen.

In der neuen Ausgabe der 'Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters' ist ein Artikel von mir zu  Burial Archaeology und dem Konzept von Embodiment veröffentlicht worden.

In der neuen Ausgabe von 'IMAGE. Journal of Interdisciplinary Image Science' wurde ein Fachartikel von Jörn Staecker, Tobias Schade und mir zur Bedeutung des Konzeptes von Multimodalität in der Archäologie veröffentlicht. Der Artikel ist hier online abrufbar.