Im Oktober 2022 hat auf Schloss Gottorf in Schleswig eine internationale Tagung stattgefunden, in der es um den Umgang mit den terminologisch unscharfen und aus wissenschaftlicher Sicht reichlich problematischen Begriffen "Wikinger" und "Wikingerzeit" ging. Nun ist der Tagungsband erschienen, in dem eine Vielzahl der extrem spannenden und innovativen Vorträge der Tagung als Beiträge enthalten sind, u. a. mein Beitrag "Retrotopia: The Viking Age as a Place of Desire. The Longing for an Idealised Past". Der Band Vikings! Vikings? – New Insights and Reflections on the Use and Misuse of the Terms ‘Viking’ and ‘Viking Age’ in Research, Education, and Society, herausgegeben von Thorsten Lemm, Sven Kalmring, Franziska Lichtenstein und Volker Hilberg ist bei den meisten größeren Portalen erhältlich.
Schlagwort: Neueste Forschung
Größter wikingerzeitlicher Silberschatz Dänemarks entdeckt
Nicht selten kommt der Archäologie der Zufall zu Hilfe. 1975 wurde der Silberschatz von Häffinds, Bur sn, auf Gotland durch eine Schulgruppe in einem Kaninchenbau entdeckt. Ein Kaninchen hatte beim Graben ein vergrabenes Keramikgefäß beschädigt und die darin deponierten Silbermünzen aus dem Gefäß heraus in den Bau verlagert. Ein ähnlicher Zufall führte nun zur Entdeckung des größter bislang bekannten wikingerzeitlichen Silberschatz in Dänemark. Im Norden Jütlands stieß der anonyme Finder bei der Gartenarbeit auf ein Keramikgefäß, in dem über 700 Silberobjekte deponiert waren. Spätere Analysen ergaben, dass es sich vor allem um Silberbarren und Armringe sowie Silberschrott und 47 Münzen handelte, die vermutlich im 10. Jh. vergraben worden waren. Mit einem Gesamtgewicht von 18,5 Kilo ist der Schatz fast dreimal so groß wie der bis dahin größte wikingerzeitliche Silberschatz aus Dänemark, der Terslev-Schatz. Der bislang größte bekannte wikingerzeitliche Silberschatz Skandinaviens – der Schatzfund von Spillings auf Gotland – wiegt nochmal deutlich mehr: ganze 67 Kilo Silber und 20 Kilo Bronze waren in drei vermutlich zusammengehörigen Deponierungen vergraben worden.

Schiffsgrab in Oslo entdeckt
Nahe der Ruinen des alten Königssitzes in der Altstadt von Oslo sind Archäologen bereits 2023 auf die Überreste eines wikingerzeitlichen Schiffsgrabes gestoßen, wie nun vor wenigen Wochen bekannt gegeben wurde. Der Fund ist insofern bedeutend, als dass er die bisherige Geschichte der norwegischen Hauptstadt Oslo in Frage stellt.
Bislang war man davon ausgegangen, dass Oslo als Stadt durch den norwegischen König Haraldr harðráði (Harald der Harte, 1015–1066 n. Chr.) in den 1040er Jahren gegründet worden sei. Als Belege dafür galten unter König Harald geprägte Münzen, die in den 1960er Jahren bei Grabungen unter der königlichen Residenz des 13. Jh. gefunden wurden. In jüngerer Zeit waren bei Ausgrabungen im Altstadtbereich von Oslo bereits vereinzelt Funde gemacht worden, die eine erste Siedlung bereits in der ersten Hälfte des 11. Jh. möglich erschienen ließen. Bei den Ausgrabungen 2023 stießen die Archäologen nun aber auf Funde aus dem 6.–8. Jh., die nahelegen, dass Oslo auf eine deutlich ältere Siedlung zurückgeht, als bislang gedacht. Besonders interessant aber ist der Fund eines Schiffsgrabes unter der königlichen Residenz. Über einem Grabschiff (oder ausgehend von der Form und Größe der Nieten möglicherweise sogar mehreren Grabschiffen) war ein Grabhügel von etwa 25 Meter Durchmesser errichtet worden, der über 14C-Datierungen auf das Ende des 9. oder den Beginn des 10. Jh. datiert werden kann. Der Fund des Schiffsgrabes legt nahe, dass die Gegend von Oslo bereits lange vor der offiziellen Gründung der Stadt durch König Harald in der Mitte des 11. Jh. ein wichtiges Zentrum der lokalen Eliten war, die durch die Bestattung einer bedeutenden Person und die Errichtung eines weithin sichtbaren Grabhügels an dieser Stelle ihre Macht zur Schau stellen wollten. Möglicherweise liegt genau darin der Grund, warum Harald diese Stelle für seine neue Stadt auswählte. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass die königliche Residenz genau über dem Schiffsgrab errichtet wurde.
Datenbank zu den gotländischen Bildsteinen online
Vor einigen Jahren wurde durch meinen sehr geschätzten Kollegen Sigmund Oehrl ein enorm ambitioniertes Projekt ins Leben gerufen: Das "Ancient Images 2.0"-Projekt sollte als Aktualisierung der inzwischen 80 Jahre alten Publikation der damals bekannten gotländischen Bildsteine durch Sune Lindqvist (Gotlands Bildsteine', 1941/1942) eine digitale Edition schaffen, die alle existierenden Informationen zu dem stetig gewachsenen Korpus dieser extrem faszinierenden Quellengattung zusammen führt. Diese Datenbank mit dem Namen "Gotlandic Picture Stones" ist nun seit einigen Monaten online und erlaubt es Wissenschaftlern wie interessierten Laien, die Welt der gotländischen Bildsteine online zu erforschen. Ich hatte das Vergnügen, die Beiträge zu den Bildsteinen des Gräberfeldes von Havor, Hablingbo sn, beizusteuern, die ich im Rahmen meiner Monographie zu diesem Platz bereits intensiv bearbeitet hatte.
Neue Erkenntnisse zu den Schlachten von Stamford Bridge und Hastings
Einer der Schlüsselmomente englischer Geschichte ist sicherlich der Herbst des Jahres 1066 mit den beiden Schlachten von Stamford Bridge und Hastings.
Am 25. September 1066 gelang es dem frisch gekrönten englischen König Harold Godwinson bei der Schlacht von Stamford Bridge noch, ein im nordöstlichen England gelandetes norwegisches Heer unter König Harald Harðráði zurückzuschlagen. Damit beendete Harold endgültig das Kapitel der skandinavischen Herrscher auf dem englischen Thron, das mit der Eroberung Englands durch den dänischen König Sven Gabelbart im Jahr 1013 begonnen hatte. Nur wenige Wochen später – am 14. Oktober desselben Jahres – mussten Harold und seine Truppen sich bei der Schlacht von Hastings einer zweiten Invasionsstreitmacht stellen, diesmal an der Südküste Englands. Der normannische Herzog Wilhelm, später versehen mit dem Beinamen „der Eroberer“, hatte mit seiner Flotte den Ärmelkanal überquert und war in East Sussex gelandet. Mehrere Faktoren sollen zur Niederlage der Engländer unter Harold Godwinson und der folgenden Eroberung Englands durch die Normannen geführt haben: Ein durch die Schlacht von Stamford Bridge stark dezimiertes Heer der Engländer, militärstrategische Fehler und nicht zuletzt auch die Strapazen eines Gewaltmarsches von der Nordostküste in den Süden innerhalb weniger Wochen.
Neue Forschungen haben nun allerdings zumindest einen dieser Faktoren als Mythos entlarvt: Lange Zeit war – ausgehend von einer missverständlichen Passage in der Anglo-Saxon Chronicle – angenommen worden, dass König Harold Godwinson sein Flottenaufgebot bereits vor der Schlacht von Stamford Bridge aufgelöst hatte und daher gezwungen war, mit seinem Heer den Gewaltmarsch über 300 Km von Stamford nach Hastings zu Fuß zu unternehmen. Eine kritische Auswertung der Quellen zeigte nun jedoch, dass Harold seine Flotte mitnichten auflöste, sondern nur verlegte und seine Schiffe so durchaus für einen effektiven Truppentransport nutzen konnte.
Die neuen Erkenntnisse zu den turbulenten Wochen im September und Oktober 1066 verändern sicher nicht den Lauf der Weltgeschichte; sie zeigen aber, dass Harold bei weitem nicht der vom Schicksal getriebenen, militärisch unerfahrene Heerführer und überforderte Herrscher war, als der er seit der Viktorianischen Zeit oftmals dargestellt wurde.
Größter bislang bekannter wikingerzeitlicher Münzschatz in Norwegen entdeckt
Bei Rena in der norwegischen Fylke Innlandet, nahe der schwedischen Grenze, wurde Anfang April der bislang größte wikingerzeitliche Münzhort des Landes mit 2.970 Münzen entdeckt. Zwei private Sondengänger hatten auf einem Acker zwei Dutzend Münzen gefunden und darauf hin die lokalen Denkmalschutzbehörden informiert, die den Hort sachgemäß bargen.

Der Großteil der Münzen stammt aus der späten Wikingerzeit, etwa vom Ende des 10. Jh. bis in die Mitte des 11. Jh., und es handelt sich zumeist um englische und deutsche Prägungen, vor allem des englischen Königs Æthelred und des sächsisch-ottonischen Kaisers Otto III. Daneben enthielt der Hort auch dänische Münzen aus der Regierungszeit von Knut dem Großen sowie frühe norwegische Prägungen von König Harald Harðráði.
Die Zusammensetzung des Hortes verrät viel über die ökonomischen Beziehungen der Region in der späten Wikingerzeit, die – im Innenland weit abseits der Küste gelegen – wirtschaftlich hauptsächlich vom Eisenerzabbau anhängig war.
Neues Massengrab in England als Hinweis auf das St.-Brice’s-Day-Massacre?
In Wandlebury Country Park am Stadtrand von Cambridge wurde ihm Rahmen einer Lehrgrabung des Institutes für Archäologie der Universität Cambridge ein Massengrab freigelegt, in dem die Überreste von mindestens zehn Männern verscharrt worden waren. Die Skelette fanden sich nicht mehr in anatomischer Ordnung, teilweise fehlten die Schädel und viele Knochen wiesen Zeichen massiver Gewaltanwendung auf, darunter auch Hinweise auf Enthauptungen. Bislang liegen nur vorläufige naturwissenschaftliche Analysen vor, die darauf hindeuten, dass das Massengrab in das 9. oder 10. Jahrhundert zu datieren ist.
Auch wenn Massengräber in Folge von Schlachten oder auch institutionellen Hinrichtungen nicht unüblich sind, lassen solche Befunde im spätwikingerzeitlichen England immer zuerst an das berühmte St.-Brice’s-Day-Massacre denken. Im Jahr 1002 soll der angelsächsische König Æthelred aus Angst vor einem Aufstand befohlen haben, alle in seinem Reich lebenden Dänen töten zu lassen. Wie weit dieser Befehl tatsächlich umgesetzt wurde und ob es zu mehr als einzelnen Übergriffen kam, ist bis heute allerdings unklar. Allerdings sind inzwischen einige Massengräber bekannt, die theoretisch durchaus im Kontext des St.-Brice’s-Day-Massacre stehen könnten, so z. B. das bekannte Massengrab von Weymouth, das Massengrab aus Oxford oder nun eben der neue Befund aus Cambridge.
Wikingerzeitliches Gräberfeld bei Aarhus entdeckt
Etwa Sieben Kilometer nördlich des dänischen Aarhus, nahe des Dörfchens Lisbjerg, wurde vor wenige Wochen ein Gräberfeld der Wikingerzeit mit 30 Bestattungen entdeckt. Während das Knochenmaterial in den Gräbern bis auf wenige Fragmente und die Zähne weitestgehend vergangen war, enthielten einige Gräber reiche Beigaben, darunter auch eine in den 960er-Jahren in Haithabu geprägte Münze. Das Gräberfeld kann daher in die Zeit des berühmten dänischen Königs Harald Blauzahn in das späte 10. Jahrhundert datiert werden.
Nur wenige hundert Meter von dem Gräberfeld entfernt lag im 10. Jahrhundert der bereits seit den späten 1980er Jahren bekannte Hof Stormandsgården, der als Sitz einer lokalen Elite gedeutet wird. Die mit fast zwei Hektar Fläche beeindruckende Hofanlage war mit einer Palisade umzäunt und lag an der zentralen wikingerzeitlichen Wegstrecke, die aus dem nordöstlichen Jütland nach Aros, dem wikingerzeitlichen Vorläufer von Aarhus und eine der wichtigsten Siedlungen dieser Zeit in Dänemark, führte.
Die Funde in vielen Gräbern weisen darauf hin, dass Lisbjerg als Bestattungsplatz für den Elitensitz bei Stormandsgård gedient hat und dort die Angehörigen der herrschenden Familie beigesetzt wurden. Besonders deutlich zeigt dies ein kleines Eichenholzkästchen mit versilberte Metallbeschlägen und fein gearbeiteten Scharnieren und Verschluss aus einem Frauengrab. Röntgenaufnahmen zeigten, dass in dem Kästchen neben einer Fibel und einer silbernen Filigranperle auch Textilwerkzeug lag – eine Schere, eine Nadel und feiner Goldfaden für die Verzierung von Kleidung.
Die Funde von Lisbjerg sind ein weiteres, ebenso wichtiges wie spannendes Mosaikteilchen, das uns neues Wissen über das Hinterland der großen Siedlungen – Haithabu, Ribe, Jelling, Aros – und über das Netzwerk der Machtstrukturen im frühen dänischen Königreich liefert.
Podcast bei ZEIT Geschichte zu weiblichen Kriegern in der Wikingerzeit
Auch der aktuelle Podcast von ZEIT Geschichte. Wie war das nochmal? widmet sich der Wikingerzeit und der vermutlich derzeit meist gestellten Frage: Gab es weibliche Krieger in der skandinavischen Wikingerzeit und welche Bedeutung hat dabei das ominöse Kammergrab Bj 581 aus Birka. Dazu wurde ich von den Redakteuren von ZEIT GEschichte befragt und herausgekommen ist ein ebenso anschaulicher wie gut recherchierter und teilweise auch sehr kritisch hinterfragender Podcast, den man sich >hier< anhören kann.
Sonderheft ‚Zeit Geschichte‘ zur Wikingerzeit erschienen
Das aktuelle Magazin von 'Zeit Geschichte: Wikinger' widmet sich ausführlich auf über 120 Seiten der Wikingerzeit. Mehr als 20 Beiträge, teilweise verfasst von international renommierten Fachleuten beleuchten unterschiedliche Aspekte dieser Epoche und auch für echte 'Wikinger-Kenner' findet sich noch die ein oder andere neue Information. Ich habe das Heft als Fachberater begleiten dürfen und mich in einem längeren Interview, das den Abschluss des Heftes bildet, mit den Redakteuren über die heutige Faszination für die Wikingerzeit unterhalten.