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Der sogenannte ‚Blutadler‘ gilt gemeinhin als die typische und enorm brutale Hinrichtungsmethode der Wikinger und wird gerne in medialen Darstellungen der Wikinger als makabrer Ausweis ihrer Grausamkeit dargestellt. Dabei sollen die Rippen des lebenden Opfers von der Wirbelsäule abgetrennt und zur Seite gebogen worden sein, um so den Eindruck von Adlerschwingen zu erwecken.

Der Blutadler (altnord. blóðǫrn) wird an verschiedenen Stellen in der altnordischen Literatur als Hinrichtungsmethode für hochrangige Persönlichkeiten – zumeist Könige – erwähnt. An einigen wenigen Stellen in der Literatur wird der Blutadler tatsächlich detailliert beschrieben. So heißt es bspw. in Kapitel 30 der Haralds saga hárfagra, der Saga des norwegischen Königs Harald Schönhaar (Haraldr hárfagri, gest. 933) aus Snorri Sturlusons Werk Heimskringla:

„Da ging Jarl Einarr zu Halfdan. Er ritzte einen Adler auf seinen Rücken in der Weise, dass er sein Schwert vom Rückgrat aus in die Bauchhöle stieß und alle Rippen von oben herab bis zu den Lenden abtrennte und die Lunge herauszog. Dies war der Tod Halfdans.“

(Þá gekk Einarr jarl til Hálfdanar. Hann reist ǫrn á baki honum þeima hætti, at hann lagði sverði á hol við hrygginn ok reist rifinn ǫll ofan á lendar, dró þar út lungun. Var þat bani Hálfdanar.)

An einigen anderen Stellen heißt es in den Sagas dagegen nur lapidar, dass ein Adler auf den Rücken des Opfers geritzt wurde (Reginsmál, Strophe 27: „Nun wurde ein Blutadler mit blutigem Schwert geritzt in den Rücken von Sigmunds Mörder“; Nú er blóðugr ǫrn – bitrum hjǫrvi – bana Sigmundar – á baki ristinn).

Ob der Blutadler in der Wikingerzeit tatsächlich ausgeführt wurde – archäologische Belege dazu fehlen nicht unbedingt überraschend bislang – oder ob es sich dabei nur um einen Mythos oder eine literarische Übertreibung handelt, ist in der Forschung lange kontrovers diskutiert worden.

Es kann sicherlich nicht wissenschaftlich ausgeschlossen werden, dass in der Wikingerzeit tatsächlich vereinzelt Menschen mit dem in den Quellen beschriebenen Blutadler getötet wurden, bspw. dann, wenn ein Exempel statuiert werden sollte oder eine Hinrichtung besondere Aufmerksamkeit bekommen musste und daher extrem grausam sein sollte.

Möglich ist auch, dass der Blutadler nur symbolisch zu deuten ist. In der altnordischen Dichtkunst, der Skaldik, wurde das Töten eines Gegners oft damit umschrieben, dass man ‚dem Adler (oder auch dem Raben) Fraß gab‘. Der Ausdruck ‚den Blutadler auf den Rücken ritzen‘ könnte demnach also auch bedeuten, dass man einen Feind dem Tod weihte oder tötete. Aus dieser bildhaften Umschreibung könnte sich der literarische Mythos des Blutadlers als brutale Verstümmelung und Tötung des Gegners entwickelt haben.

Eine neue anatomische Studie, publiziert in der Fachzeitschrift Speculum, hat nun mittels Simulationen mit medizinischer Computersoftware nachweisen können, dass die Praxis des Blutadlers, wie er bspw. in der Heimskringla beschrieben ist, zumindest anatomisch möglich ist, wenn er auch zu einem schnellen Verbluten des Opfers führen würde.

Die spannenden Ergebnisse der umfangreich recherchierten Studie belegen sicherlich nicht die faktische Existenz des Blutadlers, aber sie belegen, dass er aus medizinischer Sicht ganz praktisch hätte existiert haben können. Damit rückt der Mythos des Blutadlers ein Stück näher in die archäologische Wirklichkeit.

Wer sich für (Menschen)Opfer in der Wikingerzeit interessiert, dem sei die Arbeit meines schwedischen Kollegen Klas Wikström af Edholm ans Herz gelegt, der darüber seine Doktorarbeit geschrieben hat. Die vollständige Dissertation (allerdings auf Schwedisch) lässt sich >hier< herunterladen. Zudem findet sich in dem von mir herausgegebenen Sammelband ‚Die Wikinger: Seeräuber und Krieger im Licht der Archäologie‘, erschienen im Theiss-Verlag 2021, ein Aufsatz von Klas Wikström af Edholm auf Deutsch über Menschenopfer in der Wikingerzeit.

Die Bildsteine Gotlands gelten wohl völlig zurecht als eine der faszinierendsten Fundgattungen der gesamten skandinavischen Eisenzeit. Ausschließlich auf der Insel Gotland wurden ab der Völkerwanderungszeit im 5. Jh. bis in die späte Wikingerzeit bis zu fünf Meter hohe Kalksteinplatten errichtet, die mit aufwändigen Mustern und figürlichen Darstellungen verziert waren. Bis heute sind etwa 560 dieser Bildsteine bekannt, die vereinzelt auch Szenen aus der erst mittelalterlich überlieferten altnordischen Mythologie zeigen, bspw. Odins achtbeinigen Hengst Sleipnir und Odins Halle Walhall.

Bildstein von Tjängvide, Alskog sn, mit der Darstellung einer Empfangsszene: Ein Mann - ein im Kampf gefallener Einherjar oder Kriegsgott Odin selbst - reitet auf einem achtbeinigen Pferd auf eine große Halle zu und wird von einer Frau mit Trinkhorn empfangen.
© Wikipedia; CC BY-SA 4.0

Bereits Ende 2019 erschien mit Sigmund Oehrls monumentalem Werk 'Die Bildsteine Gotlands. Probleme und neue Wege ihrer Dokumentation, Lesung und Deutung' nun der zweite große Meilenstein in der Erforschung der gotländischen Bildsteine. Wer sich intensiver und auf einer fachlichen Ebene mit diesen faszinierenden Bildquellen beschäftigen möchte, dem sei dieses zweibändige Werk unbedingt ans Herz gelegt. Eine englischsprachige Rezension von mir erschien vor Kurzem in der Fachzeitschrift 'Germania'.

Bereits seit den Ausgrabungen durch das Ehepaar Anne-Stine und Helge Ingstad bei L'Anse aux Meadows, Neufundland, Mitte der 1960er-Jahre war bekannt, dass Wikinger von Grönland aus bereits 500 Jahre vor Christoph die Ostküste des amerikanischen Kontinentes erreicht hatten. Die beiden sogenannten Vínlandsagas – die Grœnlendinga saga und die Eiríks saga rauða, niedergeschrieben vermutlich im frühen 13. Jh. – berichten von den letztlich gescheiterten Fahrten der grönländischen Wikinger nach Amerika. Ausgehend von den Überlieferungen in den Sagas hatte das Ehepaar Ingstad eine (oder die einzige?) Niederlassung der Wikinger bei L'Anse aux Meadows lokalisieren können, die den Sagas zufolge in den ersten Jahren nach 1000 n. Chr. errichtet worden sein muss.

Einem internationalen Team niederländischer, deutscher und kanadischer Forscher ist nun erstmals die Datierung von Holzartefakten aus der Niederlassung bei L'Anse aux Meadows gelungen. Durch die Kombination von 14C-Datierung und Dendrochronologie konnten die Forscher die Holzartefakte präzise auf das Jahr 1021 n. Chr. datieren.

Diese erste jahrgenaue Datierung sagt zwar nur aus, dass im Jahr 1021 n. Chr. Wikinger aus Grönland vor Ort waren und kann weder als Anfangs- oder Endpunkt für die Nutzung der Ansiedlung bei L'Anse aux Meadows gedeutet werden. Die Datierung legt aber nahe, dass noch deutlich länger Fahrten von Grönland nach Nordamerika stattfanden, als in den Sagas berichtet wird.

Die in der renommierten Fachzeitschrift 'Nature' publizierte Studie kann >hier< eingesehen werden. Ein Interview dazu mit mir in der 'Süddeutsche Zeitung' findet sich >hier<.

Bereits seit mehr als 50 Jahren ist das berühmte, mutmaßliche Frauengrab von Suontaka Vesitorninmäki aus der südfinnischen Gemeinde Hattula bekannt. Bei Grabungsarbeiten war ein Schwert mit einem ungewöhnlichen, komplett aus Bronze gegossenen Griff gefunden worden. Die Entdeckung des Schwertes führte zu weiteren Untersuchungen, bei denen eines der spannendsten Gräber der späten finnischen Wikingerzeit freigelegt wurde.

Grabungszeichnung der Bestattung von Suontaka (links) und künstlerische Rekonstruktion der Bestattung.
© Grabzeichnung: Finnish Heritage Agency/Rekonstruktion: Veronika Paschenko

In dem Grab war ein Individuum in typisch weiblicher Tracht beigesetzt worden, mit Schmuckbeigaben, einer Sichelklinge, die auf dem Brustkorb des Leichnams lag, sowie einer Schwertklinge ohne Griff an oder auf der linken Körperseite. Das zu Beginn der Grabungsarbeiten aufgefundene Schwert mit dem Bronzegriff gehörte jedoch – anders als lange Zeit vermutet – nicht zu den ursprünglichen Grabbeigaben, sondern wurde erst später in dem Grab deponiert.

Funde aus dem Grab von Suontaka.
© Finnish Heritage Agency

Ausgehend von diesen Befunden wurde das Grab von Suontaka lange als Paradebeispiel für die Bestattung einer angesehenen und vermutlich auch politisch einflussreichen Frau gedeutet, die zum Zeichen ihrer Macht mit zwei Schwertern beigesetzt wurde. In der gegenwärtigen Diskussion um Geschlechterrollen und mögliche weibliche Krieger in der skandinavischen Wikingerzeit wurde das Grab von Suontaka daher immer als wichtiges Argument für die Beteiligung von Frauen an Kampf und Krieg angeführt, zumal aus der finnischen Wikingerzeit eine Reihe von Frauengräbern mit einzelnen Waffen wie Äxten oder Speeren bekannt sind.

Die neuen DNA-Untersuchungen aber zeigen ein weitaus komplexeres und viel spannenderes Bild auf.

Die DNA des in dem Grab bestatteten Individuums zeigte Hinweise auf das sogenannte Klinefelter-Reifenstein-Albright-Syndrom. Bei dieser angeborenen Chromosomenanomalien weisen Männer zusätzlich zu einem X- und einem Y-Chromosom ein weiteres X-Chromosom auf (Karyotyp XXY). Diese Anomalie führt zu einer unterschiedlich starken Hodenunterfunktion und damit zu einem geringeren Testosteron-Spiegel, der sich in mehr oder weniger stark ausgeprägten Symptomen äußeren kann, wie z. B. einer verringerten oder fehlenden Spermienfunktion, spärlichem Bartwuchs, verminderter Muskelmasse oder Brustwachstum (Gynäkomastie). Abhängig von der Ausprägung der Symptome kann die Chromosomenanomalien unbemerkt bleiben. Es ist aber durchaus denkbar, dass das in dem Grab von Suontaka bestattete, biologisch männliche Individuum aufgrund dieser Chromosomenanomalien von der Gesellschaft nicht als Mann, sondern – darauf deutet die Frauenkleidung hin – als nicht-binär wahrgenommen wurde, als Mensch zwischen beiden Geschlechtern. Die reichen Beigaben belegen jedoch eindrucksvoll, dass das Individuum – wie auch immer das soziale Geschlecht (das gender) gewesen sein mag – durchaus respektiert und angesehen gewesen sein muss.

Die DNA-Analysen des Grabes von Suontaka werfen ein völlig neues Licht auf die derzeit heiß umstrittene Frage nach sozialen Geschlechtsidentitäten in der Vor- und Frühgeschichte (und in der Wikingerzeit im Speziellen). Sie geben Anlass zu der Vermutung, dass in der skandinavischen Wikingerzeit unter bestimmten Umständen auch mehr als nur zwei soziale Geschlechter existieren konnten.

Mehr dazu findet Ihr auch >hier<.

Dieser Tage erscheint der Sammelband 'Viking Age Slavery' als Ergebnis der internationalen Konferenz 'Slaves, Serfs and Free Labour in Medieval Northern Europe' an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Oktober 2019.

Der Sammelband wurde von Hanne Østhus, Rudolf Simek und mir herausgegeben und enthält auf 226 Seiten zehn Aufsätze von führenden Wissenschaftlern zur Sklaverei in der skandinavischen Wikingerzeit. Er wird in den nächsten Tagen über den Buchhandel für günstige 29,90 € erhältlich sein.

Bei Untersuchungen in der Lavahöhle Surtshellir nahe des Langjökull im zentralen westlichen Island wurde durch Forscher des Haffenreffer Museum of Anthropology bereits 2012–2013 ein enorm spannender wikingerzeitlicher Kultplatz ausgegraben, der jetzt im Journal of Archaeological Science publiziert wurde.

Die Höhle Surtshellir entstand vermutlich im 9. Jahrhundert durch fließende Lava in Folge eines Vulkanausbruches des Langjökull und ist eine der längsten, bekannten Lavaröhren Islands. Die Höhle, die nach dem Feuerriesen Surtr der altnordischen Mythologie benannt ist, wurde bereits in der altnordischen Sagaliteratur des 13. Jahrhunderts erwähnt als Zuflucht von Gesetzlosen, die in den unwirtlichen Lavafeldern im Inneren der Insel leben mussten.

Eingang der Surtshellir.
© Leon Dolman (CC BY-NC-ND 2.0)

Die neuen Untersuchungen erlaubten nun mittels 14C-Datierungen, die Entstehung der Höhle besser nachvollziehen zu können. Der Lavatunnel bildete sich, als bei einem Ausbruch des Langjökull im späten 9. Jahrhundert etwa 240 km² mit Lava bedeckt wurden. Spannenderweise legt diese Datierung nahe, dass die ersten, aus Norwegen stammenden Siedler, die sich ab 870 auf Island niederließen, diesen Vulkanausbruch vermutlich miterlebt haben. Es kann nur darüber spekuliert werden, welche gewaltigen Eindrücke ein Vulkanausbruch bei den Wikingern hinterlassen haben muss.

Einen möglichen Hinweis darauf, wie sehr sich dieser Vulkanausbruch in das Bewusstsein und die Mythologie der Wikinger einprägte, fanden die Forscher nun bei den Ausgrabungen 300 Meter tief in der Höhle Surtshellir mit einem mutmaßlichen Kultplatz. Etwa 10 Meter unter der Erde war mit großen Felsblöcken eine schiffsförmige Struktur gebildet worden, in der große Mengen von verbrannten Tierknochen von Schafen/Ziegen, Pferden, Schweinen und Rindern lagen. Zudem fanden sich Perlen und ein kleines kreuzförmiges Bronzegewicht. Weitere Haufen mit Tierknochen zogen sich fast 120 Meter durch die Höhle.

Die schiffsförmige Steinsetzung in der Surtshellir.
© Kevin P. Smith/Haffenreffer Museum of Anthropology

Die Datierungen der Knochen legen nahe, dass Surtshellir bereits wenige Jahre nach der Entstehung als besonders mystischer Ort wahrgenommen wurde, vielleicht als Schwelle zwischen dem Diesseits und der Unterwelt. Möglicherweise sind die Tierknochen die Reste von Opferritualen, mit denen die Wikinger unter dem Eindruck des Vulkanausbruches die Götter besänftigen wollten. Interessanterweise endeten die rituellen Handlungen in Surtshellir relativ zeitgleich mit der offiziellen Annahme des Christentums auf Island im Jahr 1000 und auch die Deponierung des kreuzförmigen Bronzegewichtes kann möglicherweise als eine christliche ‚Versieglung‘ des heidnischen Opferplatzes verstanden werden.

Die neuen Ergebnisse aus Surtshellir erweitern nicht nur unser Wissen um religiöse Aktivitäten der Wikinger auf Island, sondern sie lassen auch die mythologischen Überlieferungen der altnordischen Literatur in neuem Licht erscheinen. Möglicherweise hielt die Erinnerung an den Vulkanausbruch Einzug in die wikingerzeitliche Mythologie und war Ausgangspunkt für die Vorstellung von Ragnarök als Untergang der Welt. Darauf könnte auch der Name der Höhle hindeuten, denn der Feuerriese Surtr ist der altnordischen Mythologie zufolge einer zentralen Protagonisten im finalen Kampf der Götter mit den Riesen.

Das Surtshellir Archaeological Project hat auch eine Facebook-Seite, auf der neue Ergebnisse vorgestellt werden.

Eine neue Theorie zu der symbolischen Bedeutung der Schiffsgräber in der Vendel- und Wikingerzeit wurde vor Kurzem von dem norwegischen Archäologen und Schiffsexperten Jan Bill, Professor für Archäologie der Wikingerzeit an der Universität Oslo und Kurator des Wikingerschiffsmuseums, vorgeschlagen.

Ausgehend von zwei Passagen in dem angelsächsischen Heldenepos Beowulf bringt Bill in einem Kapitel in dem Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 'Rulership in 1st to 14th Centrury Scandinavia' (hier kostenfrei als pdf einsehbar) die Schiffsbestattungen vom 7.–9. Jahrhundert mit einem mythischen Herkunftsmythos des dänischen Königshauses in Verbindung, der für das Selbstverständnis und möglicherweise auch die Legitimierung der vorchristlichen Herrscher von Bedeutung gewesen sein könnte.

Erste Seite der einzigen überlieferten Handschrift des Beowulf im Nowell Codex (Cotton Vitellius A.x.v. 129 r.), British Library.
© British Library/gemeinfrei

Das titellose und heute nach dem Helden Beowulf (Bienen-Wolf, eine poetische Umschreibung – kenning – für ‚Bär‘, nach anderen Quellen auch Beadowulf, ‚Kriegs-Wolf‘) benannte Epos ist der bedeutendste angelsächsische Text und sicherlich eines der prägendsten Heldenepen der Geschichte. Es wurde vermutlich im 8. Jahrhundert komponiert, möglicherweise basierend auf einer noch älteren Fassung, ist aber nur durch eine einzige Kopie aus dem frühen 11. Jahrhundert überliefert. Das in einem westsächsischen Dialekt in angelsächsischen Stabreimen verfasste Gedicht schildert in zwei Teilen die Erlebnisse des gautischen (aus dem Bereich des heutigen Götaland im mittleren Südschweden) Helden Beowulf. Dieser reiste mit einer Schar seiner Gefährten an den Hof des dänischen Königs Hrothgar, um diesem dort im Kampf gegen das Ungeheuer Grendel beizustehen, das die Halle des Königs heimsucht. Nach dem Sieg über Grendel und dessen Mutter kehrt Beowulf nach Götaland zurück und erringt dort die Krone. Sein Reich wird jedoch von einem Drachen bedroht, dem er sich im Kampf stellen muss. Zwar besiegt Beowulf den Drachen, wird jedoch von diesem tödlich verwundet.

Zentral für die von Bill vorgeschlagene Theorie ist die Beschreibung von Skjöld (im Beowulf als Scyld Scefing), dem legendären Stammvater der dänischen Skjöldungen-Dynastie. Skjöld ist auch aus mehreren späteren Quellen bekannt – darunter Snorri Sturlusons Edda und der ebenfalls von ihm verfassten Ynglinga saga in der Heimskringla, der Geschichte der norwegischen Könige, oder aus Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum. Im Beowulf wird beschrieben, wie Skjöld als Kind in einem Schiff und ausgestattet mit wertvollen Waffen an den Küsten Dänemarks angetrieben und vom dänischen König adoptiert wird. Als Erbe des dänischen Herrschers begründet dieses fremde und dem Mythos nach direkt vom Gott Odin abstammende Kind somit eine neue Königsdynastie. Auch bei seiner Bestattung spielt das Schiff wieder eine zentrale Rolle: Auf seinen eigenen Wunsch wird sein Leichnam, wieder mit seinen Waffen, in einem Schiff auf das Meer hinausgeschoben und verschwindet in den Fluten.

Das Schiffsgrab von Gokstad am Oslofjord bei der Ausgrabung 1880 als eines der eindrucksvollsten Beispiele für wikingerzeitliche Schiffsbestattungen.
© Kulturhistorisk Museum/UiO 2020; CC BY-SA 4.0

Der Mythos dieses fremden und von den Göttern abstammenden Herrschers war, wie die späteren Quellen nahelegen, von großer Bedeutung für das Selbstverständnis und die Legitimität der dänischen Könige in der vorwikingerzeitlichen Vendelzeit und der frühen Wikingerzeit. Der durchaus überzeugenden Theorie von Jan Bill nach könnten die Schiffsbestattungen als Aufgriff dieses Mythos gedeutet werden: Durch die Bestattung in einem Schiff sollte die Abstammung von dem legendären Gründervater Skjöld und damit die eigene Legitimität als Herrscher verdeutlicht werden.

Bei Ausgrabungen in Hunnestad in Skåne, Südschweden, wurde vor wenigen Tagen ein seit über 300 Jahren verschwundener Runenstein wiederentdeckt.

Der wiederentdeckte Runenstein von Hunnestad.
© Arkeologerna; CC BY

Der Runenstein gehört zu dem berühmten ‚Monument von Hunnestad‘ bei Hunnestad in der Nähe von Ystad. Das in seiner Form einzigartige Hunnestadmonument wurde im 10. Jh. errichtet und bestand aus acht Steinen, von denen fünf Runeninschriften trugen. Fünf Steine – davon zwei mit Runeninschriften – waren mit einzigartigen figürlichen Bildern verziert, so zeigt einer der Steine (DR 282) einen Mann mit einer geschulterten Axt und auf einem weiteren Stein (DR 284) ist eine Szene abgebildet, die möglicherweise auf eine Situation der altnordischen Mythologie anspielt: eine Frauengestalt reitet auf einem Untier (möglicherweise einem Wolf) und hält Schlangen in ihren Händen. In Snorri Sturlusons Gylfaginning – Teil der berühmten Edda und niedergeschrieben zu Beginn des 13. Jh. – wird die Riesin Hyrrokkin erwähnt, die auf einem mit Schlangen gezäumten Wolf reitet und bei der Bestattung des Gottes Balder dessen Totenschiff ins Meer schiebt.

Der Bildstein DR 284 mit der möglichen Darstellung von Hyrrokkin im Museum 'Kulturen'.
© Wikipedia; CC BY-SA 3.0

Das Hunnestadmonument wurde Ende des 18. Jh. durch den schwedischen Grafen Eric Ruuth bei Bauarbeiten für sein Anwesen zerstört. Drei der Steine wurde bereits Anfang des 19. Jh. entdeckt und sind heute im Museum ‚Kulturen‘ in Lund ausgestellt (darunter die beiden oben beschriebenen Bildsteine). Zu den anderen Bildsteinen existieren nur Beschreibungen und eine Zeichnung durch den dänischen Gelehrten Olaus Wormius, der in der ersten Hälfte des 17. Jh. eine Inspektion der Altertümer in Dänemark und dem damals noch zu Dänemark gehörenden Südschweden (Skåne, Blekinge und Halland) vornehmen ließ.

Olaus Wormius' Zeichnung des Hunnestadmonuments, erste Hälfte des 17. Jh.
© Wikipedia; Public domain

Diese Zeichnung von Olaus Wormius erlaubte nun die Identifikation des wiedergefundenen Runensteines, der hoffentlich neue und interessante Informationen zum Hunnestadmonument liefern wird.

Seit dem Sommer 2020 wird mit dem 2018 neuentdeckten Schiffsgrab von Gjellestad, Østfold, in Norwegen erstmals seit über 100 Jahren wieder eine wikingerzeitliche Schiffsbestattung ausgegraben. Trotz der relativ schlechten Erhaltung durch jahrhundertelange Überpflügung - von dem ursprünglich etwa 22m langen Schiff ist nur noch ein Teil des Kiels mit den untersten Spanten übrig - kann nun erstmals ein Schiffsgrab mit modernsten archäologischen Methoden ergraben und untersucht werden.

Leider sind durch die Beschädigung des Grabhügels nicht nur große Teile des Schiffes zerstört worden, sondern vermutlich auch ein Großteil der Grabbeigaben und wohl auch die Bestattung. Bislang wurden jedenfalls noch keine menschlichen Knochen gefunden, die Rückschlüsse darüber zulassen würden, wer dort bestattet wurde.

Wir können allerdings sicher sein, dass es sich um eine hochgestellt Persönlichkeit gehandelt haben muss. Der im 9. Jh. - und damit ungefähr zeitgleich zu Gokstad und Oseberg - errichtete Grabhügel wurde aus fruchtbarer Muttererde aufgeschüttet, die extra von anderer Stelle nach Gjellestad gebracht wurde. Zudem weisen neue Ausgrabungen und Untersuchungen mit Bodenradar auf die große Bedeutung von Gjellestad hin.

Ausgrabungen im Bereich der Küste förderten eine Reihe von Funden wie z. B. Gewichte oder Münzen zutage, die auf die Existenz eines Hafens hindeuten (aufgrund der Landhebung seit den letzten 1000 Jahren liegt Gjellestad heute weiter landeinwärts).

Zudem konnten mittels Bodenradar neben weiteren großen Grabhügeln eine Reihe von großen Hallengebäuden nachgewiesen werden, die vermutlich zur herrschaftlichen Repräsentation und zur Kultausübung genutzt wurden, während die eigentliche Siedlung weiter landeinwärts lag.

Der Komplex von Gjellestad ähnelt damit stark anderen sogenannten Zentralplätzen wie Uppåkra, Gamla Uppsala oder dem neuentdeckten Ströja, die als Hafen- oder Handelsplatz, Herrschaftssitz und Kultzentrum bedeutende sozio-politische, ökonomische und religiöse Zentren darstellten.

Eine erste Ansiedlung in Gjellestad ist in die frühe Eisenzeit - etwa um 500 v. Chr. - zu datieren. Am Übergang zwischen Völkerwanderungs- und Vendelzeit um 500 n. Chr. wurde der große Jellhaugen errichtet, einer der größten Grabhügel Skandinaviens. Mehrere große Hallengebäude von fast 40m Länge und Funde von Goldobjekten aus der Umgebung deuten darauf hin, dass Gjellestad bereits Mitte des 1. Jtd. n. Chr. - also mehrere Jahrhunderte vor der Wikingerzeit - bereits ein bedeutendes Zentrum an der Küste von Viken zwischen dem heutigen Norwegen und Schweden war.

Informationen zu den andauernden Ausgrabungen des Schiffsgrabes von Gjellestad finden sich auf der Homepage des Kulturhistorischen Museums Oslo und eine wunderbare Animation von Gjellestad gibt es hier.

Neue genetische Untersuchungen an den Individuen aus einem der sicherlich rätselhaftesten und strittig diskutiertesten Gräber der skandinavischen Wikingerzeit haben ein spektakuläres Ergebnis hervorgebracht, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet.

1981 wurde im dänischen Gerdrup auf Seeland, etwa 10 Kilometer nördlich von Roskilde, das Doppelgrab von einer Frau und einem Mann entdeckt.  Das mehr als einem Meter tiefe Grab stammte vermutlich aus dem frühen 9. Jahrhundert und lag abseits der üblichen Gräberfelder in einer Düne an einem Fjord. Bereits bei der Ausgrabung erregte die Lage der beiden gut erhaltenen Skelette große Aufmerksamkeit.

Das Grab von Gerdrup während der Ausgrabung.
© Christensen, T. 1997, 'The armed woman and the hanged thrall', in: F. Birkebæk (ed.), The Ages Collected, Roskilde: Roskilde Museum. S. 35.

Der auf der linken (westlichen) Seite des Grabes bestattete Mann lag in merkwürdig verrenkter Haltung mit gespreizten Oberschenkeln. Osteologische Untersuchungen ergaben, dass er zum Todeszeitpunkt vermutlich 35–40 Jahre alt war und möglicherweise erhängt wurde, wie die verdrehten Halswirbel nahelegten. Die Lage seiner Beine könnte möglicherweise daraus resultieren, dass er an den Füßen gefesselt bestattet wurde.

Direkt auf den Leichnam der auf der rechten Seite des Grabes liegenden Frau waren drei große Steine gelegt worden. Neben ihren Beinen lag eine etwa 40 cm lange Speerspitze und zwischen den beiden Toten fanden sich Reste eines unverbrannten Schafschädels.

Umzeichnung des Grabes und Detailzeichnung der Halswirbel des Mannes.
© Kastholm, O. T. 2015, 'Spydkvinden og den myrdede. Gerdrupgraven 35 år efter', Romu. Årsskrift fra Roskilde Museum 2015, S. 68.

Die Interpretation dieses Grabes beschäftigt die Forschung bereits seit Jahrzehnten. Zumeist wird angenommen, dass es sich bei dem Mann um einen Sklaven oder Unfreien gehandelt hat, der rituell getötet wurde, um der Frau mit ins Jenseits zu folgen. Warum aber wurde die Frau mit Steinen bedeckt und welche Rolle spielt die Speerspitze in dem Grab? Möglicherweise handelte es sich bei ihr um eine sogenannte Völva, eine Frau, der magische Fähigkeiten nachgesagt wurden. In einigen altnordischen Sagas werden solche Völvas erwähnt, die die Zukunft vorhersehen und Zauber wirken können. Die schweren Steine sollten möglicherweise verhindern, dass die Frau von den Toten wiederauferstehen und den Lebenden Schaden zufügen konnte – eine in der Wikingerzeit durchaus verbreitete Furcht. Auch der Speer würde sich mit dieser Deutung der Frau als Völva erklären lassen. Der Begriff bedeutet „Stabträgerin“ und aus einer Reihe von wikingerzeitlichen Frauenbestattungen sind eiserne Stäbe bekannt, die möglicherweise als ‚Zauberstäbe‘ zu deuten sind, mit denen kultische Handlungen vollführt wurden. Vielleicht nutzte die Völva von Gerdrup stattdessen einen Speer?

Künstlerische Rekonstruktion der Bestattung von Gerdrup kurz vor dem Verschließen des Grabes.
© Zeichnung Mirosłav Kuźma, Bildrechte Leszek Gardeła, mit freundlicher Genehmigung von L. Gardeła

Die neuen genetischen Untersuchungen sind allerdings eine deutliche Überraschung und zwingen die Forschung nun, zumindest die Deutung des Mannes zu revidieren. Nach Ausweis der DNA handelt es sich bei den beiden Toten aus dem Grab von Gerdrup um Mutter und Sohn. Wurde möglicherweise beide wegen vorgeblich übernatürlicher Fähigkeiten oder Schadenszauber getötet und in einem Grab abseits der Siedlungen und Gräberfelder beerdigt? Eine Parallele dazu findet sich tatsächlich in der – allerdings gut 500 Jahre jüngeren – altnordischen Sagaliteratur. In der Eyrbyggja saga, die im 10./11. Jahrhundert auf Island spielt, allerdings erst Mitte des 13. Jahrhunderts verfasst wurde, wird eine Frau namens Katla wegen Schadenszauberei zu Tode gesteinigt und ihr Sohn Oddr gehängt. Trotz der großen zeitlichen und geographischen Diskrepanz zwischen dem Grab von Gerdrup und den (literarischen) Erzählungen der Eyrbyggja saga verleiten die deutlichen Parallelen die Forschung seit langem zu faszinierenden Spekulationen über Zauberinnen in der Wikingerzeit.