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Vor wenigen Wochen ist ein Artikel im schwedischen Fachjournal 'Current Swedish Archaeology' erschienen, in dem ich zusammen mit meinem Kollegen Lukas Kerk von der Universität Münster einige theoretische Gedanken über die Aussagekraft von Körpermodifikationen insgesamt und die Bedeutung von Zahnfeilungen und Schädeldeformationen in der skandinavischen Wikingerzeit vorgestellt habe. Der Artikel hat zu unserer Überraschung ein enormes Presse-Echo gefunden - bis zum Smithonian Magazine in den USA - und wird nun auch in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung besprochen.

Im vergangenen Herbst und Winter sind einige Fachaufsätze von mir zu verschiedenen Themen erschienen, die allerdings vorerst nicht online frei zugänglich sind.

  • In dem Sammelband 'Animals and Animated Objects in Past Societies. New Approaches in Archaeology 1', herausgegeben von meinem guten Freund Leszek Gardeła, zusammen mit Kamil Kajkowski, ist ein Aufsatz von mir zu dem Thema 'Horse Burials on Viking Age Gotland. Between Mounted Warriors and Totemic Animals' erschienen. Darin untersuche ich die Funktion und Symbolik von Pferden in wikingerzeitlichen Bestattungen auf Gotland.
  • Als Begleitband zu der kommenden Sonderausstellung zu den völur, den Seherinnen der Wikingerzeit, im dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen ist im Spätsommer das Buch 'The Norse Sorceress: Mind and Materiality in the Viking World' erschienen, herausgegeben von Leszek Gardeła, Sophie Bønding und Peter Pentz. In meinem Aufsatz 'Ritualised Executions and Human Sacrifices in the Viking World' diskutiere ich die Nachweise für Menschenopfer in der Wikingerzeit und deren mögliche Funktionen.
  • Ebenfalls um Menschenopfer in der Wikingerzeit und die Frage nach ihrer sozio-politischen Funktion geht es in meinem Kapitel 'Ritual Killings as Resource Complex in the Viking Age Funeral Ceremony' in dem Sammelband 'Human Sacrifice and Value: Revisiting the Limits of Sacred Violence from an Archaeological and Anthropological Perspective', herausgegeben von Matthew Walsh et al.
  • In einem kurzen, populärwissenschaftlichen Artikel in der 'Archäologie in Deutschland' hatte ich mich zusammen mit Leszek Gardeła vor ein paar Jahren bereits einmal der Frage von militärischer Symbolik in Frauengräbern der Wikingerzeit gewidmet. Nun haben wir gemeinsam einen Fachartikel in der neuesten Ausgabe des schwedischen Journals 'Fornvännen' mit dem Titel 'Transformative Objects: Rethinking Weapons in Viking Age Female Graves' publiziert. Der Artikel wird Mitte 2024 als PDF auf der Webseite von 'Fornvännen' frei zugänglich sein.
  • Der Frage nach Körpermodifikationen in der Wikingerzeit und deren Funktion als Symbole gesellschaftlicher Kommunikation gehen mein Kollege Lukas Kerk und ich in einem Aufsatz mit dem Titel 'Body Modification on Viking Age Gotland – Artificially Modified Skulls and Filed Teeth as Embodiment of Social Identities' nach, der in den nächsten Tagen in dem schwedischen Fachjournal 'Current Swedish Archaeology' veröffentlicht werden wird und dann auch direkt online zugänglich ist.

Vor wenigen Wochen hat mein geschätzter Kollege Dr. Volker Hilberg, derzeit sicherlich der Experte zu Haithabu, sein zweibändiges Monumentalwerk ‚Haithabu 983–1066. Der Untergang eines dänischen Handelszentrums in der späten Wikingerzeit‘ vorgelegt. Ausgehend von den geophysikalischen Untersuchungen des Bereiches innerhalb des Halbkreiswalles und besonders von den abertausenden an Detektorfunden der jüngeren Zeit rekonstruiert er die späte Phase von Haithabu und den Übergang in das mittelalterliche Schleswig. Das Buch stellt den abschließenden Höhepunkt des mehrjährigen, von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojektes „Zwischen Wikingern und Hanse“ (mehr dazu >hier<) dar und ist nicht nur die Vorlage von spannendem neuen Fundmaterial, sondern wird für die nächsten Dekaden das Standardwerk zur späteren Zeit von Haithabu sein.

Mit einer leichten, coronabedingen Verspätung ist zu Ostern endlich meine Monographie zu den spätwikingerzeitlichen Bestattungen auf dem gotländischen Gräberfeld von Havor veröffentlicht worden. Die Arbeit ist das Endergebnis meiner vierjährigen Forschung im Rahmen des SFB 1070 an der Universität Tübingen von 2017–2021 und in mehrfacher Hinsicht für mich ein sehr emotionaler Abschluss. Ursprünglich war geplant, die Arbeit gemeinsam mit meinem Doktorvater und späterem Chef Professor Jörn Staecker (27.04.1961–15.12.2018) zu schreiben, als Ergebnis seiner langjährigen Beschäftigung mit der gotländischen Wikingerzeit. Aufgrund seines tragischen frühzeitigen Todes konnte dieser Plan nicht mehr umgesetzt werden. Darüber hinaus ist diese Publikation voraussichtlich mein letzter umfangreicherer Beitrag zur Erforschung der gotländischen Wikingerzeit – ein Themenfeld, das mich seit Beginn meiner Dissertation vor fast 12 Jahren auf eine einzigartige Art und Weise begeistert hat – und auch voraussichtlich vorerst meine letzte Monographie.

Inhaltlich untersucht die Arbeit die spätwikingerzeitlichen Bestattungen auf dem Gräberfeld von Havor, Hablingbo sn, auf Gotland und im Besonderen die Art und Weise, wie in den Bestattungen von Havor die Erinnerungen an und Vorstellungen von Vergangenheit auf der einen und kulturelle Veränderungen auf der anderen Seite zur Konstruktion von spezifischen Identitäten instrumentalisiert wurden. Dieses Vorgehen, besonders durch den Aufgriff älterer Bestattungstraditionen und die Nachnutzung älterer Grabanlagen, erlaubt Rückschlüsse auf die Wahrnehmung einer mythischen Vergangenheit in der Wikingerzeit und auf die diskursive Ebene von Erinnerungen und Traditionen als soziale und identitätsstiftende Konstrukte. Die ersten Kapitel stellen eine reine Materialauswertung und -betrachtung des Gräberfeldes und seines Siedlungsumfeldes als Ganzes, der wikingerzeitlichen Bestattungen im Speziellen sowie der gesamtgotländischen Entwicklung von der frühen Eisenzeit bis in die späte Wikingerzeit dar. Darauf folgt eine ausführliche Theoriediskussion dazu, was Bestattungen und Gräber – über die reine "Entsorgung" eines menschlichen Verstorbenen – eigentlich sind und wie in Havor die Instrumentalisierung (oder Konstruktion?) der eigenen Vergangenheit fassbar wird.

Die Monographie kann in wenigen Monaten auch als Printversion bei der Universität Tübingen bestellt werden. Seit letzter Woche ist sie als PDF frei über den Open Acess-Bereich der Universitätsbibliothek abrufbar.

Bereits 1886 wurde bei der Ausgrabung eines großen Grabhügels, des sogenannten ‚Storhaug‘ von Torvastad, auf Karmøy nahe von Avaldsnes die Schiffsbestattung eines bedeutenden lokalen Fürsten entdeckt. Der Verstorbene war vermutlich im letzten Viertel des 8. Jahrhunderts – also in der frühesten Wikingerzeit – mit Waffen und kostbaren Grabbeigaben auf einem 20 Meter langen Schiff in dem Grabhügel beigesetzt worden. Bei der Nachuntersuchung das Grabhügels konnten nun das Achterende des Schiffes rekonstruiert werden. Das Spektakuläre an den neuen Ergebnissen ist, dass es sich bei dem Schiff vermutlich bereits um ein Segelschiff gehandelt hat. Damit wäre das Schiff aus dem Storhaug von Torvastad auf Kamøy das älteste bislang bekannte Segelschiff aus dem Norden.

Bei dem bislang ältesten bekannten Segelschiff der Wikingerzeit handelt es sich um das berühmte Schiff aus dem Grabhügel von Oseberg am Oslofjord, das dendrochronologisch auf die Zeit um 820 n. Chr. datiert werden kann. Es gibt noch zwei ältere Schiffe – das Schiff aus Kvalsund, Westnorwegen, datiert auf etwa das Jahr 700 n. Chr. und das Schiff Salme 2 von Saaremaa, Estland, datiert auf etwa 750 n. Chr. – die bereits einen Kiel aufweisen. Ein Kiel ist die schiffsbautechnische Voraussetzung, um einen Mastbaum aufzustellen. Bei den beiden älteren Schiffen ließen sich aber sowohl Mast wie auch Segel bislang noch nicht sicher nachweisen. Dass Segelschiffe in Skandinavien aber schon vor der Wikingerzeit bekannt gewesen sein müssen, zeigen die Abbildungen von Schiffen unter vollen Segeln auf einigen wenigen gotländischen Bildsteinen des 6. und 7. Jahrhunderts.

Mit den neuen Untersuchungen an dem Schiffsgrab von Torvastad auf Karmøy kommen wir also den frühesten Segelschiffen Nordeuropas der Vendel- und frühen Wikingerzeit wieder etwas näher. Daneben konnte auf Karmøy neben dem Schiffsgrab im Storhaug und einem zweiten, schon länger bekannten Schiffsgrab in einem als ‚Grønhaug‘ bezeichneten Grabhügel noch ein drittes Schiffsgrab entdeckt werden. Der etwa 40–50 Meter durchmessende Hügel war zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon einmal untersucht worden. Damals stieß man jedoch nur auf ein paar Einzelfunde. Die Konzentration von frühwikingerzeitlichen Schiffsgräbern unter großen Grabhügeln auf Karmøy lässt vermuten, dass das nahegelegene Avaldsnes bereits im späten 8. und frühen 9. Jahrhundert ein bedeutender Häuptlingssitz oder Königshof war.

Seit einigen Tagen begeistert der spektakuläre Fund eines Runensteines in Norwegen Archäologen und Runologen wie auch Geschichtsinteressierte gleichermaßen. Bereits im Herbst 2021 wurde die kaum mehr als 30x30 cm messende Sandsteinplatte bei Straßenbauarbeiten in der südnorwegischen Provinz Viken in einem Brandgrab gefunden. Auf dem „Svingerudsten“ getauften Stein sind mehrere Zeichenfolgen erkennbar, von denen einige als Runeninschriften im älteren Futhark identifiziert werden können, der Runenreihe, die ab den ersten Jahrhunderten nach Christus bis in die frühe Wikingerzeit üblich war. Darunter sticht besonders eine kurze Inschrift auf der mutmaßlichen Vorderseite des Steines hervor, die zweifelsfrei als „IDIBERUG“ entziffert werden kann. Möglicherweise handelt es sich dabei um einen Personennamen. Einige der übrigen Zeichenfolgen scheinen der Runologin Kristel Zilmer nach dagegen keine konkrete Bedeutung zu haben. Bei einigen der Gitter- und Zickzackmuster könnte es sich möglicherweise um Schreibversuche oder die Nachahmung von Runenzeichen handeln.

Spektakulär wird der Fund des „Svingerudsten“ jedoch durch die Datierung des Grabes, in dem er gefunden wurde. Radiokarbondatierungen an Knochenresten aus dem Grab zufolge wurde die Bestattung im 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus angelegt. Eine Datierung in die frühe Phase der römischen Eisenzeit legen auch die wenigen erhaltenen Beigaben nahe. Damit handelt es sich bei dem „Svingerudsten“ um den ältesten bekannten Runenstein der Welt. Die bislang ältesten bekannten Runensteine – z. B. die Runensteine von Hogganvik, Tune oder Einang – datieren in das späte 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus. Zugleich könnte es sich bei der Inschrift auf dem „Svingerudsten“ auch um eine der ältesten Runeninschriften überhaupt handeln. Der bislang sicher datierte früheste Beleg für Runen ist die Namensinschrift „HARJA“ auf dem Kamm von Vimose aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhundert nach Christus. Etwas älter ist die Fibel von Meldorf aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, allerdings ist bislang noch unklar, ob es sich bei der Zeichenfolge auf der Fibel tatsächlich um Runen handelt.

Möglicherweise liegt damit nun mit dem „Svingerudsten“ der älteste Nachweis für die Nutzung von Runen vor. Mehr zu diesem spektakulären Fund gibt es >hier<.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift 'DAMALS' findet sich eine Rezension von mir zu dem neuen Werk 'Die wahre Geschichte der Wikinger' von Neil Price (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2022, 752 Seiten, € 39,-).

Mit "Die wahre Geschichte der Wikinger" erscheint das lange erwartete Buch von einem der sicherlich renommiertesten Kenner der skandinavischen Wikingerzeit, dem in Uppsala lehrenden Professor Neil Price, auch auf Deutsch. Das Buch ist dabei keine umfassende Darstellung aller Aspekte der Wikingerzeit – dieser Anspruch würde selbst den Umfang dieses beeindruckenden Werkes sprengen. Stattdessen ist es der Versuch von Neil Price, das Phänomen ‚Wikinger‘ aus seiner Sicht nachvollziehbar zu machen.

Neil Prices "Die wahre Geschichte der Wikinger" eignet sich nicht unbedingt als Einstiegswerk zur Wikingerzeit, denn viele ebenso spannende wie wichtige Aspekte des Alltagslebens werden gar nicht oder nur kurz thematisiert. Auch richten sich Sprache und Inhalt eher an ein anspruchsvolles Publikum. Wer sich aber eingehender mit den großen Zusammenhängen der Wikingerzeit beschäftigen möchte, für den bietet Prices monumentales Werk einen exzellenten Zugang zu dieser faszinierenden Epoche.

Die volle Rezension findet sich hier: DAMALS. Magazin für Geschichte 01/2023, S. 57–58.

In der neuesten Ausgabe der archäologischen Fachzeitschrift ‚Current Swedish Archaeology‘ diskutiert der dänische Archäologe und Wikingerexperte Søren Michael Sindbæk, Professor an der Universität Aarhus, die beiden neuen Dauerausstellungen zu den Wikingern im Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen und im Staatlichen Historischen Museum Stockholm. Der durchaus kritische Beitrag von Søren Sindbæk wird in mehreren kurzen Aufsätzen von einer Reihe von Fachkollegen kommentiert, darunter findet sich auch ein Beitrag von mir, der >hier< heruntergeladen werden kann.

Seit dieser Woche ist eine englischsprachige Auswertung meiner Arbeit zu den spätwikingerzeitlichen Bestattungen auf dem gotländischen Gräberfeld von Havor online. Der Artikel ist in der schwedischen Fachzeitschrift 'Fornvännen' erschienen und untersucht, wie in der späten Wikingerzeit die eisenzeitliche Vergangenheit wahrgenommen und instrumentalisiert wurde, gewissermaßen die Sicht auf die Vergangenheit in der Vergangenheit. Die Untersuchung ist Teil eines größeren Forschungsprojektes, dem ich mich von 2017–2021 gewidmet habe und das Anfang des kommenden Jahres als deutschsprachige Monographie publiziert wird. Der nun erschienende Aufsatz "Resources in Death: Late Viking Age Burials in the Cemetery of Havor, Hablingbo sn, on Gotland" kann >hier< heruntergeladen werden.

Der sogenannte ‚Blutadler‘ gilt gemeinhin als die typische und enorm brutale Hinrichtungsmethode der Wikinger und wird gerne in medialen Darstellungen der Wikinger als makabrer Ausweis ihrer Grausamkeit dargestellt. Dabei sollen die Rippen des lebenden Opfers von der Wirbelsäule abgetrennt und zur Seite gebogen worden sein, um so den Eindruck von Adlerschwingen zu erwecken.

Der Blutadler (altnord. blóðǫrn) wird an verschiedenen Stellen in der altnordischen Literatur als Hinrichtungsmethode für hochrangige Persönlichkeiten – zumeist Könige – erwähnt. An einigen wenigen Stellen in der Literatur wird der Blutadler tatsächlich detailliert beschrieben. So heißt es bspw. in Kapitel 30 der Haralds saga hárfagra, der Saga des norwegischen Königs Harald Schönhaar (Haraldr hárfagri, gest. 933) aus Snorri Sturlusons Werk Heimskringla:

„Da ging Jarl Einarr zu Halfdan. Er ritzte einen Adler auf seinen Rücken in der Weise, dass er sein Schwert vom Rückgrat aus in die Bauchhöle stieß und alle Rippen von oben herab bis zu den Lenden abtrennte und die Lunge herauszog. Dies war der Tod Halfdans.“

(Þá gekk Einarr jarl til Hálfdanar. Hann reist ǫrn á baki honum þeima hætti, at hann lagði sverði á hol við hrygginn ok reist rifinn ǫll ofan á lendar, dró þar út lungun. Var þat bani Hálfdanar.)

An einigen anderen Stellen heißt es in den Sagas dagegen nur lapidar, dass ein Adler auf den Rücken des Opfers geritzt wurde (Reginsmál, Strophe 27: „Nun wurde ein Blutadler mit blutigem Schwert geritzt in den Rücken von Sigmunds Mörder“; Nú er blóðugr ǫrn – bitrum hjǫrvi – bana Sigmundar – á baki ristinn).

Ob der Blutadler in der Wikingerzeit tatsächlich ausgeführt wurde – archäologische Belege dazu fehlen nicht unbedingt überraschend bislang – oder ob es sich dabei nur um einen Mythos oder eine literarische Übertreibung handelt, ist in der Forschung lange kontrovers diskutiert worden.

Es kann sicherlich nicht wissenschaftlich ausgeschlossen werden, dass in der Wikingerzeit tatsächlich vereinzelt Menschen mit dem in den Quellen beschriebenen Blutadler getötet wurden, bspw. dann, wenn ein Exempel statuiert werden sollte oder eine Hinrichtung besondere Aufmerksamkeit bekommen musste und daher extrem grausam sein sollte.

Möglich ist auch, dass der Blutadler nur symbolisch zu deuten ist. In der altnordischen Dichtkunst, der Skaldik, wurde das Töten eines Gegners oft damit umschrieben, dass man ‚dem Adler (oder auch dem Raben) Fraß gab‘. Der Ausdruck ‚den Blutadler auf den Rücken ritzen‘ könnte demnach also auch bedeuten, dass man einen Feind dem Tod weihte oder tötete. Aus dieser bildhaften Umschreibung könnte sich der literarische Mythos des Blutadlers als brutale Verstümmelung und Tötung des Gegners entwickelt haben.

Eine neue anatomische Studie, publiziert in der Fachzeitschrift Speculum, hat nun mittels Simulationen mit medizinischer Computersoftware nachweisen können, dass die Praxis des Blutadlers, wie er bspw. in der Heimskringla beschrieben ist, zumindest anatomisch möglich ist, wenn er auch zu einem schnellen Verbluten des Opfers führen würde.

Die spannenden Ergebnisse der umfangreich recherchierten Studie belegen sicherlich nicht die faktische Existenz des Blutadlers, aber sie belegen, dass er aus medizinischer Sicht ganz praktisch hätte existiert haben können. Damit rückt der Mythos des Blutadlers ein Stück näher in die archäologische Wirklichkeit.

Wer sich für (Menschen)Opfer in der Wikingerzeit interessiert, dem sei die Arbeit meines schwedischen Kollegen Klas Wikström af Edholm ans Herz gelegt, der darüber seine Doktorarbeit geschrieben hat. Die vollständige Dissertation (allerdings auf Schwedisch) lässt sich >hier< herunterladen. Zudem findet sich in dem von mir herausgegebenen Sammelband ‚Die Wikinger: Seeräuber und Krieger im Licht der Archäologie‘, erschienen im Theiss-Verlag 2021, ein Aufsatz von Klas Wikström af Edholm auf Deutsch über Menschenopfer in der Wikingerzeit.