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Die meisten Menschen haben schon einmal etwas von den Runen gehört, den oftmals so geheimnisumwitterten Schriftzeichen der Wikinger. Anders als es in Fernsehserien oder Computerspielen oft dargestellt wird, waren die Runen in der Wikingerzeit aber keine geheimnisvollen, magischen Zeichen, sondern wurden in erster Linie zur Mitteilung teilweise profaner Nachrichten verwendet. So ritzte man Handelsverträge auf Holzstäbchen oder kleine Knochen, wie z. B. bei einem Fund aus Haithabu, auf dem der Tausch eines Schildes gegen ein Otterfeld festgehalten wurde. Die meisten heute erhaltenen Runeninschriften finden sich allerdings auf den über 3.000 derzeit bekannten Runensteinen, die üblicherweise zur Erinnerung an Verstorbene errichtet worden sind. Vier solcher Runensteine aus dem Umfeld von Haithabu – die südlichsten Runensteine in Europa – stehen im Wikinger Museum Haithabu.

Wer aber konnte diese Runen schreiben und wer konnte sie lesen? Im Skandinavien der Wikingerzeit gab es – wie in den meisten vormodernen Epochen – keine Schule. Kinder wurden ab einem bestimmten Alter in den Arbeitsalltag ihrer Eltern eingebunden und erlernten so die für ihr späteres Leben notwendigen Fähigkeiten. In wie weit das Lesen oder gar das aktive Schreiben von Runen zu diesen Fähigkeiten gehörte, ist bis heute ein Rätsel für die Forschung. Sicher ist, dass es zumindest in Mittelschweden, wo im 11. Jh. über zwei Drittel der bekannten Runensteine errichtet wurden, professionelle Runenritzer gab. Möglicherweise bildeten diese Runenmeister auch Lehrlinge in der Kunst aus, Runen zu deuten und zu schreiben. Einige dieser Runenmeister sind uns mit Namen bekannt, weil sie ihre Runensteine signierte, wie bspw. ein Mann namens Öpir, der vermutlich produktivste Runenmeister der Wikingerzeit. Die Runensteine wurden teilweise an oder auf den Gräbern der auf ihnen erinnerten Personen aufgestellt, oft standen sie aber an viel genutzten Wegen oder an Brücken und waren nicht nur kunstvoll gestaltet, sondern auch oft bunt bemalt. Offensichtlich sollten sie also von den Nachbarn auf den umliegenden Gehöften, aber auch von Reisenden wahrgenommen werden. Daher erscheint es unwahrscheinlich, dass die Inschriften, in denen es immer um das Andenken an Verstorbene, aber auch um die Selbstdarstellung der Spender der Runensteine ging, nicht auch von den meisten Menschen gelesen und verstanden werden konnten. Vermutlich war also die Fähigkeit, zumindest einfache Inschriften in Runen zu lesen, viel weiter verbreitet, als wir einer eigentlich ja schriftlosen Epoche wie der skandinavischen Wikingerzeit oft zutrauen.

In der medialen Darstellung der Wikingerzeit – in Kinofilme, Fernsehsendungen und Romanen – findet sich meist an der ein oder anderen Stelle auch eine dramaturgisch effektvoll eingefügte Liebesszene oder gar ein ganzer romantischer Plot zwischen zwei Charakteren. Wieviel Platz gab es aber in der skandinavischen Wikingerzeit tatsächlich für romantische Liebe? Konnten Ehen auch durchaus Liebesheiraten sein oder waren es ausschließlich aus sozio-politischen Gründen arrangierte Vernunftsehen, die von den Familien beschlossen wurden und unter denen einer oder sogar beide Ehepartner zu leiden hatten?

Aus der Wikingerzeit selber haben wir kaum sichere Quellen, um diese Frage zu beantworten. Zeitgenössische Runeninschriften, vermutlich auf die Wikingerzeit zurückreichende Gesetzestexte und der Bericht eines arabischen Reisenden über die Frauen in Haithabu legen nahe, dass Frauen sich unter bestimmten Umständen von ihrem Mann scheiden lassen konnten und auch alleine – als Witwe oder nach einer Scheidung – einen Hof führen konnten. Tiefere Einblicke in das Gefühlsleben der Wikingerzeit scheinen die altnordischen Familiensagas zu geben. Verfasst im 13. und 14. Jh. schildern sie lebensnah und anschaulich Ereignisse, die sich in der Wikingerzeit vor allem auf Island zugetragen haben sollen. Es ist oftmals unklar, was in den Sagas auf reale Begebenheiten zurückgeht und was reine literarische Fiktion ist. Dennoch haben die Sagas auch für die Erforschung der Wikingerzeit einen hohen Wert, denn sie sollten für das Publikum realistisch wirken. Und in vielen Sagas kommt – neben emotionslosen Vernunftsehen – auch echte Liebe vor; sei es die seit Jahrzehnten gewachsene Verbundenheit eines alten Ehepaares, das gemeinsam in den Tod geht, wie Njáll und seine Frau Bergþóra in der Brennu-Njáls saga oder die ungestüme Verliebtheit von Guðrún und Kjartan gegen den Widerstand ihrer Familien in der Laxdœla saga. Oft aber endet die romantische Liebe in den Sagas tragisch mit dem Tod eines oder beider Partner. Und möglicherweise versteckt sich darin ein Hinweis auf das Verständnis von Liebe in der Wikingerzeit: Natürlich wird es auch damals echte Verliebtheit und Liebe gegeben haben. Ratsamer war es aber vielleicht bei aller Liebe trotzdem nicht die Vernunft aus den Augen zu lassen. Eine Ehe war immer auch die Verbindung zweier Familien und damit auch eine soziale wie politische Allianz, die in einer kleinen Gesellschaft enorme Folgen haben konnte.

Die richtige Ernährung liegt voll im Trend; viele Menschen kaufen gezielt ökologische, regionale und nachhaltige Lebensmittel, ernähren sich vegetarisch oder vegan folgen einem der vielen anderen Ernährungstrends, die ein gesundes Leben versprechen. Aber wie war das in der Wikingerzeit? Was aßen die Menschen in Haithabu?

Anders als in den populären Darstellungen in den Medien kam Fleisch bei den meisten Menschen in der Wikingerzeit nur sehr selten auf den Tisch. Grundlage der Ernährung war Getreide, wie Gerste, Roggen und in Haithabu auch Hirse und sogar etwas Weizen, das man entweder als Brei aß oder aus dem man Fladenbrot buk. Daneben spielte in Haithabu ebenso wie in vermutlich allen küstennah gelegenen Siedlungen im Skandinavien der Wikingerzeit der Fischfang eine große Rolle. Schon der arabische Reisende Ibrahim ibn Yakub, der Mitte des 10. Jh. Haithabu besuchte, schrieb davon, dass die Menschen dort sich viel von Fisch ernährten. Die archäozoologischen Untersuchungen an den Tierresten aus Siedlung und Hafenbereich von Haithabu zeigen, dass Hering der häufigste Speisefisch war, gefolgt von Barsch, Hecht, Karpfen und Plattfischen. Auch wenn man Wildfrüchte sammelte, so wurde – zumindest in Haithabu – den archäozoologischen Befunden nach kaum zur Nahrungsversorgung gejagt. Knochen von Wildtieren wie Rothirsch, Reh, Wildschwein und Wildvögel waren in den Speiseabfällen selten. Neben Hühnern, die man sicherlich hauptsächlich wegen ihrer Eier und Federn hielt, wurde vor allem Schweine und Rinder für den Verzehr geschlachtet. Schafe und Ziegen hielt man in erster Linie wegen ihrer Milch und dem Fell bzw. Leder, gegessen wurden sie aber auch. Während Getreide und Rindfleisch aus dem Hinterland stammten, konnten Schweine, Hühner, Schafe und Ziegen auch im dicht besiedelten Haithabu gehalten werden. Einige Hausparzellen in Haithabu wiesen auf ihrer rückwärtigen Seite kleine unbebaute Bereiche auf, die man möglicherweise als kleine Gärten für die Selbstversorgung nutzte und in denen Pferdebohne, Lein und möglicherweise auch Rüben angebaut wurden.

Das aktuelle Magazin von 'Zeit Geschichte: Wikinger' widmet sich ausführlich auf über 120 Seiten der Wikingerzeit. Mehr als 20 Beiträge, teilweise verfasst von international renommierten Fachleuten beleuchten unterschiedliche Aspekte dieser Epoche und auch für echte 'Wikinger-Kenner' findet sich noch die ein oder andere neue Information. Ich habe das Heft als Fachberater begleiten dürfen und mich in einem längeren Interview, das den Abschluss des Heftes bildet, mit den Redakteuren über die heutige Faszination für die Wikingerzeit unterhalten.

Echte Wikinger waren Heiden, glaubten an Odin, Thor und die anderen Götter der Edda und lehnten das Christentum ab. Dies ist jedenfalls das Bild, dass uns in den Medien zumeist vermittelt wird. Die historische Realität sah dagegen ganz anders aus. Schon früh kamen die Menschen der skandinavischen Wikingerzeit mit dem christlichen Glauben in Berührung, auf ihren Handelsfahrten in den Süden und Westen oder durch christliche Händler, z. B. in Haithabu. Haithabu nahm bei der Christianisierung der Wikinger auch eine zentrale Rolle ein, denn um das Jahr 850 n. Chr. herum wird dem Mönch Ansgar, dem ‚Apostel des Nordens‘, erlaubt, in Haithabu eine Kirche zu errichten und zu predigen. Etwa einhundert Jahre später wird Haithabu zusammen mit den Siedlungen Ribe und Århus zum Bistum ernannt. Die eindrucksvolle große Bronzeglocke, die 1978 im Hafenbecken von Haithabu gefunden wurde, hängt möglicherweise damit zusammen. Viele Funde aus Haithabu weisen zudem deutlich darauf hin, dass viele Einwohner bereits Christen waren – oder zumindest diesen neuen Gott aus dem Süden, den sie als ‚Weißen Christus‘ bezeichneten, einfach in ihren Götterhimmel integrierten. So betete man nicht nur zu Odin und Thor, sondern auch noch zu Jesus Christus. Der eindrucksvollste Hinweis darauf ist sicherlich eine in Haithabu gefundene Specksteingussform, in der sowohl christliche Kreuze wie auch heidnische Thorshämmer, das Symbol des Donnergottes Thor, gegossen werden konnten. Dieser sogenannte „Synkretismus“, das Vermischen heidnischer und christlicher Glaubensvorstellungen war möglich, weil es keine allgemeingültige, dogmatische heidnische Religion gab, die überall in Skandinavien ausgeübt wurde. Es gab auch kein Buch ähnlich der Bibel, in dem stand, woran man zu glauben hatte. Die berühmte „Edda“ (eigentlich die Eddas, denn es gibt zwei Werke dieses Namens), die faszinierende Sammlung von Mythen über die altnordischen Götter und Helden, wurde erst Jahrhunderte nach der Wikingerzeit niedergeschrieben. So war es möglich, den neuen Gott und einzelne Aspekte des Christentums sukzessive in die heidnischen Glaubensvorstellungen zu integrieren, bis das Christentum gegen Ende der Wikingerzeit das Heidentum weitestgehend abgelöst hatte. Die Wikingerzeit ist daher eine sogenannte „Transitionsphase“, eine Phase des Überganges von den alten heidnischen Glaubensvorstellungen zum Christentum.

Sommerzeit ist Reisezeit. Und wer an abenteuerliche Reisen denkt, denkt bei uns im Norden sicherlich zuerst an Wikinger. Aber wer ging in der Wikingerzeit tatsächlich auf Reisen? Auch wenn die Wikingerzeit für die meisten Menschen wohl hauptsächlich mit den charakteristischen Raubzügen verbunden ist, sind wohl nur die allerwenigsten Menschen im Nordeuropa der Wikingerzeit jemals weiter gereist als bis zum nächsten größeren Marktplatz. Die meisten Menschen blieben als Bauern, Fischer und Handwerker auf ihren Höfen und nur wenige Männer fuhren auf eine Plünder- oder Handelsfahrt, die sie auf teils Jahre andauernden Reisen bis weit in die arabische Welt führen konnte.

Aber es gab in der Wikingerzeit durchaus auch Menschen, die in einem fast schon modernen Sinne auf Reisen gingen. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich die Isländerin Gudrid (altnord. Guðríðr Þorbjarnardóttir), die als ‚die Weitgereiste‘ in die Geschichte einging. Den Überlieferungen nach siedelte sie als junges Mädchen nach Grönland über und stach von dort um das Jahr 1010 n. Chr. mit ihrem Ehemann Thorfinn Karlsefni in See, auf der Suche nach dem legendären neuentdeckten Land im Westen: Vínland, die Ostküste Kanadas um Neufundland. Während ihres Aufenthaltes in Vínland soll Gudrid den Quellen zufolge ihren Sohn Snorri geboren haben, der damit der erste in Nordeuropa geborene Europäer wäre. Über Grönland reiste sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Island zurück und lebte viele Jahre mit ihrer Familie auf ihrem Hof bei Glaumbær im Norden Islands. Aber obwohl sie in ihrem Leben sicherlich mehr Zeit an Bord eines Schiffes verbracht und zweimal den Nordatlantik überquert hatte, schien Gudrid auch im höheren Alter ihre Abenteuerlust nicht verloren zu haben. Als ihr Sohn Snorri heiratet, entscheidet sie sich – nun fromme Christin – eine Pilgerreise nach Rom zu unternehmen. Viel ist den Quellen nicht über diese Reise zu entnehmen, aber wir wissen, dass Gudrid wohlbehalten aus Rom nach Island zurückkehrte und die letzten Jahre ihres Lebens als Nonne in der von ihrem Sohn Snorri bei Glaumbær errichteten Kirche verbrachte.

Die Reisen von Gudrid, die sie über 12.000 Kilometer von Island aus bis nach Nordamerika und Italien führten, sind sicherlich einzigartig und vermutlich sind die Überlieferungen auch an einigen Stellen mit der Zeit immer mehr ausgeschmückt worden. Dass lange Pilgerreisen, vor allem von Frauen der höheren sozialen Schichten, gegen Ende der nun zunehmend christlichen Wikingerzeit aber durchaus üblich waren, zeigt auch die Inschrift eines Runensteines aus Uppland in Schweden: „Ingirun, die Tochter Hards, ließ diese Runen ritzen zur Erinnerung an sich selbst. Sie möchte fern nach Osten nach Jerusalem reisen“.

Seit wenigen Wochen ist der Genuss von Cannabis in Deutschland erlaubt. Wie aber sah es in der Vergangenheit aus? Kannten die Wikinger schon Cannabis und konsumierten sie Drogen?

Das Bild von Cannabis als Droge von Hippies und anderen Gestalten hat sich in unserer Zeit gefestigt, aber auch schon im wikingerzeitlichen Skandinavien kann Cannabis in Form von Pollen, Samen, Früchten und Fasern erkannt werden. Aber wofür haben die Wikinger Cannabis genutzt?        
In einigen Gräbern in Skandinavien wurden Textilfragmente aus Hanffasern gefunden, die eine Nutzung der Pflanze zur Herstellung von Kleidungstextilien belegt. Eine Nutzung als Rauschmittel ist dagegen deutlich schwieriger zu erkennen. Ein möglicher Fall ist das berühmte Grab von Oseberg. In dem eindrucksvollen und reich ausgestatteten Schiffsgrab am Oslofjord waren zwei Frauen neben zahlreichen Alltagsgegenständen bestattet. Unter den Beigaben fanden sich auch einige Cannabis-Samen. Aufgrund der besonders auffälligen Bestattungsumstände wurde oftmals vermutet, dass es sich bei zumindest einer der beiden Frauen um eine Zauberin oder Priesterin gehandelt haben könnte. In einem rituellen oder magischen Kontext könnten die Cannabis-Samen als Halluzinogen zur Erzeugung von Trancezuständen verwendet worden sein. Die starke Arthritis der älteren der beiden Frauen könnte aber auch auf eine weitere Nutzung von Cannabishindeuten: als Schmerzmittel.

Die aktuelle Ausgabe des Geschichtsmagazins DAMALS (09-2022) enthält mehrere Kapitel zu den Wikingern mit Beiträgen von Rudolf Simek, Volker Hilberg, Dirk H. Steinforth, Alheydis Plassmann und mir. Die einzelnen Kapitel beschäftigen sich mit dem Mythos Wikinger (Simek/Toplak), den Raubzügen nach England und in das Frankenreich (Steinforth/Plassmann) und Haithabu als zentralem Platz der wikingerzeitlichen Welt (Hilberg).

Das aktuelle Heft lästs sich >hier< bestellen.

Liebe Wikingerbegeisterte,

seit Ende letzten Monats ist das neueste von mir herausgegebene Buch zu den Wikingern erhältlich. 'Die Wikinger. Seeräuber und Krieger im Licht der Archäologie', erschienen als Sonderheft der Archäologie in Deutschland und als gebundenes Buch bei WBG, widmet sich der kriegerischen Seite der Wikinger.

Die richtige Antwort lautet natürlich 'Lindisfarne'. Vielen herzlichen Dank für die vielen Antworten!