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Das Titelthema in der aktuellen Ausgabe (08/2021) von ‚Dein Spiegel‘, dem Kindermagazin des Spiegel, beschäftigt sich mit den Wikingern. Ich freue mich sehr darüber, die ausgesprochen gelungene Reportage mit einem langen Interview unterstützt haben zu dürfen und auch im Text einige Male zu Wort zu kommen.

In dem Sonderforschungsbereich 'RessourcenKulturen' (SFB 1070), in dem ich die letzten Jahre an der Universität Tübingen gearbeitet habe, haben wir nun als Ergebnis der letzten Förderphase einen Sammelband herausgegeben, in dem wir aus unterschiedlichen Perspektiven die Definition und Bedeutung von ‚Ressourcen‘ diskutieren. Der gesamte Band kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

In meinem Beitrag habe ich mich damit beschäftigt, wie Bestattungen und Gräber in der Wikingerzeit als eine Art von Ressource genutzt worden sein könnten, um dadurch eine spezifische Identität zu signalisieren und so Ansprüche auf Besitz oder Herrschaft zu präsentieren oder zu konstruieren. Mein Beitrag kann hier heruntergeladen werden.

Für mich als Archäologen ist es immer extrem wichtig, die Gegenstände, über die ich forsche und schreibe auch in der Hand gehalten zu haben und (als Replik) auch ausprobieren zu können. Über diesen praktischen Zugang erhalten wir nicht selten völlig neue Perspektiven auf das archäologische Material.

Nun habe ich mir von einem befreundeten Handwerker eine Replik von einer großen Ringfibel von dem gotländischen Gräberfeld von Kopparsvik, das ich im Rahmen meiner Doktorarbeit ausgewertet hatte, anfertigen lassen. Ich möchte gerne einige ungewöhnliche Tragweisen dieser recht großen und schweren Fibeln ausprobieren, um nachvollziehen zu können, ob die Lage der Fibeln in einigen Gräbern nur Zufall ist oder tatsächlich eine konkrete Tragweise widerspiegelt.

Wer Interesse an einem ähnlichen Schmuckstück hat, kann sich bei Sindri & Brock umschauen.

DNA-Analysen an zwei wikingerzeitlichen Skeletten aus dem dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen haben erstaunliche Ergebnisse erbracht, die uns einen überraschend persönlichen und direkten Zugang zu den zwei Individuen erlauben.

Bei dem einen Skelett handelte es sich um einen Mann, der in dem berühmten spätwikingerzeitlichen Massengrab von Oxford in England gefunden wurde. In dem Massengrab beim St. John’s College lagen drei Dutzend erwachsene Männer, die offensichtlich hingerichtet worden waren. Naturwissenschaftliche Analysen legen nahe, dass es sich bei den Männern um Skandinavier handelte, die um das Jahr 1000 herum den Tod fanden. Daher wird das Massengrab von Oxford oftmals mit dem berühmten St.-Brice’s-Day-Massacre in Verbindung gebracht. Im Jahr 1002 soll der angelsächsische König Æthelred aus Angst vor einem Aufstand befohlen haben, alle in seinem Reich lebenden Dänen töten zu lassen. Wie weit dieser Befehl tatsächlich umgesetzt wurde und ob es zu mehr als einzelnen Übergriffen kam, ist bis heute allerdings unklar.

Das zweite Skelett hingegen wurde im dänischen Otterup auf der Insel Fünen gefunden und es ist davon auszugehen, dass dieser Mann auch in der Umgebung von Otterup gelebt hatte.

Die DNA-Analysen an diesen beiden Skeletten ergaben nun jedoch, dass es sich bei den Männern um Verwandte zweiten Grades – Halbbrüder, Neffe und Onkel oder Großvater und Enkel – gehandelt hat. Während einer der Männer offensichtlich als Bauer im heimischen Dänemark blieb, brach der jüngere Mann, sein Neffe, Enkel oder jüngerer Halbbruder, zu Reisen nach England auf. Ob er sich dort als Bauer oder Händler niederließ oder als Seeräuber die Markplätze und Klöster an der Küste plünderte und in Gefangenschaft geriet, lässt sich nicht entscheiden. Seine Knochen weisen aber Spuren schwerer Gewalt auf und es kann durchaus sein, dass er in einer Schlacht den Tod fand oder schwer verwundet gefangen genommen und hingerichtet wurde.

Auf der dänischen Insel Lolland ist nahe Rødbyhavn bei Bauarbeiten für einen Tunnel zwischen der deutschen Insel Fehmarn und Lolland eine bislang einzigartige Halle der Wikingerzeit entdeckt worden. Mit fast 50 Meter Länge wird die Halle derzeit nur noch von der 61 Meter messenden Halle aus Lejre, einem frühen dänischen Herrschaftssitz, sowie der über 80 Meter langen Halle von Borg auf den Lofoten in Nordnorwegen, übertroffen.

Was die Halle von Rødbyhavn allerdings einzigartig macht, ist ihre Bauweise. Die übrigen großen Hallengebäude hatten leicht gebogene und mit äußeren Stützbalken versehene Wände aus dicken Holzbohlen, die den Hallen die Form eines umgedrehten Schiffsrumpfes gaben. Die Halle von Rødbyhavn war hingegen rechteckig und die Wände bestanden aus Flechtwerk mit Lehmverputz. Diese Bauweise ist aus der Wikingerzeit ansonsten bislang nur von kleineren Häusern bekannt.

Vor wenigen Wochen wurden die Ergebnisse von neuen Untersuchungen an dem berühmten Scharrbild des keulenschwingende Giganten von Cerne Abbas veröffentlicht, die ein überraschendes neues Licht auf die mögliche Entstehungszeit des Bildes werfen und zudem aufzeigen, dass Monumente in der Landschaft offensichtlich zu allen Zeiten die Menschen fasziniert haben.

Der Cerne Abbas Gigant bei Dorchester, Dorset.
© Wikipedia; CC BY-SA 3.0

Der Gigant von Cerne Abbas ist ein 55 Meter hohes Scharrbild eines nackten Mannes mit erhobener Keule und erigiertem Penis in einem Hügel bei Dorchester im englischen Dorset. Um die Herkunft des Giganten ranken sich seit Jahrhunderten unterschiedlichste Theorien. Lange Zeit wurde angenommen, dass das Scharrbild in den ersten ein oder zwei Jahrhunderten nach Christ Geburt in der Eisenzeit entstand und entweder der keltischen Kultur oder der späteren romano-britischen Bevölkerung zugeschrieben werden muss. Es wurde daher oft als Abbildung des keltischen Gottes Taranis oder des griechischen Heroen Herkules interpretiert. So kann das berühmte Uffington White Horse in Oxfordshire – das Scharrbild eines über 100 Meter langen Pferdes – an den Übergang zwischen Bronze- und Eisenzeit (etwa 1400–500 v. Chr.) datiert werden. Da die auffällige und weithin sichtbare Figur erst gegen Ende des 17. Jh. in den schriftlichen Aufzeichnungen erwähnt wird, wurde auch oftmals eine neuzeitliche Entstehung diskutiert, bspw. als Karikatur auf den Politiker Oliver Cromwell.

Das Scharrbild eines Pferdes (Uffington White Horse) in den Hügeln von Berkshire Downs, Oxfordshire.
© Wikipedia; CC BY-SA 3.0

Im Sommer 2020 wurden erste Ergebnisse von Bodenproben veröffentlicht, bei denen Überreste einer Schneckenart in dem Kalkschotter des Scharrbildes entdeckt wurden, die jedoch erst im 13./14. Jahrhundert nach England gelangten. Diese Resultate schienen eine spätmittelalterliche oder sogar neuzeitliche Datierung des Cerne Abbas Giganten zu stützen.

Neueste Untersuchungen an dem Scharrbild mittels Optisch stimulierter Lumineszenzdatierung (OSL) haben diese Deutung nun wieder überworfen. Bei der Thermolumineszenzdatierung kann das Alter von Gesteinsproben (grob zusammengefasst) daran bestimmt werden, wie lange und intensiv die Proben der Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren. Im Fall des Cerne Abbas Giganten ergaben die Untersuchungen, dass zumindest ein Teil des Bildes bereits im Frühmittelalter, etwa zwischen 700–1000 n. Chr. angelegt worden sein muss. Das gigantische Bild des nackten, keulenschwingenden Mannes ist damit wikingerzeitlich!

Neben den durchaus spektakulären neuen Ergebnissen zeigen die unterschiedlichen Datierungsansätze gut auf, dass solche eindrucksvollen Monumente nie als statisch zu betrachten sind. Zu allen Zeiten wird der Cerne Abbas Gigant dynamische Interaktionen provoziert haben – die Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit werden das Bild gesehen und es werden immer neue Mythen und Legenden um die Schöpfer des Bildes und seine Bedeutung entstanden sein. So überrascht es eigentlich kaum, dass Schneckenschalen auf eine Interaktion mit dem Bild im Spätmittelalter hinweisen. Auch damals werden Menschen den Hügel besucht und das Bild betrachtet und vielleicht sogar verändert haben. Darauf deutet bspw. eine heute nicht mehr sichtbare Fläche unter dem ausgestreckten linken Arm der Figur hin, die ursprünglich vielleicht einen Mantel oder ein Fell darstellte. Und auch der überdeutliche, 7 Meter lange erigierte Penis wurde nachträglich verlängert und überdeckte den Bauchnabel.

Wen das Bild jedoch darstellen soll, ist bis heute nicht klar. Auch bei einer Datierung in die Wikingerzeit wäre eine Interpretation bspw. als Herkules durchaus möglich. Der britische Mediävist Tom Morcom hat jedoch eine völlig neue, durchaus überraschende These präsentiert: Er deutet den Cerne Abbas Giganten als Abbildung des Heiligen Eadwold. Eadwold lebte im 9. Jahrhundert, war Angehöriger des Königshauses von East Anglia und Bruder des berühmten Königs Edmund. Er lebte jedoch als Einsiedler bei Cerne, nicht weit von den Hügeln entfernt, in denen heute das Scharrbild des Giganten zu sehen ist und gilt als Schutzheiliger der Region. Bei einem der vielen ihm zugeschriebenen Wunder erwuchs aus seinem Pilgerstab ein neuer Baum, was er als Zeichen Gottes deutete, sich an dieser Stelle niederzulassen. Die Keule des Cerne Abbas Gigant könnte demnach seinen Pilgerstab darstellen. Auch die Nacktheit des Giganten wäre kein Hindernis für diese Deutung. Der Verzicht auf Kleidung entsprach durchaus den Vorstellungen von Askese. Und die deutlich eingezeichneten Rippen des Giganten könnten demnach auf seine ausgemergelte und unterernährte Gestalt hindeuten.

Die neue Datierung in die Wikingerzeit wirft ein völlig neues Licht auf den Cerne Abbas Giganten. Fast noch spannender sind aber vielleicht die Mythen, Legenden und Erklärungsversuche mit denen Menschen jeder Zeit bis heute versuchten, dieses Monument zu verstehen und einzuordnen.

Als Werbegag anlässlich des Simpsons-Films wurde 2007 eine große Zeichnung von Homer Simpson mit biologisch abbaubarer Farbe neben den Cerne Abbas Giganten gemalt.
© The Guardian 2007

In dem neuesten Newsletter der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e.V. (DGUF) werden anlässlich des Jubiläums der 100. Ausgabe Themen diskutiert, über die man in der Archäologie spricht oder dringend sprechen sollte. Ich habe mich daran mit einem Beitrag zur Rolle der Medien in der Vermittlung von Archäologie beteiligt. Den kompletten, über 100 Seiten starken Newsletter kann man >hier< herunterladen.

Dieser Tage erscheint der Sammelband 'Viking Age Slavery' als Ergebnis der internationalen Konferenz 'Slaves, Serfs and Free Labour in Medieval Northern Europe' an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Oktober 2019.

Der Sammelband wurde von Hanne Østhus, Rudolf Simek und mir herausgegeben und enthält auf 226 Seiten zehn Aufsätze von führenden Wissenschaftlern zur Sklaverei in der skandinavischen Wikingerzeit. Er wird in den nächsten Tagen über den Buchhandel für günstige 29,90 € erhältlich sein.

Nächste Woche halte ich am Donnerstag, dem 20. Mai, um 10:00 Uhr im Rahmen des Kurses "Einführung ins nordische Mittelalter" an der Universität zu Köln einen digitalen Einführungsvortrag zu den Wikingern.

Wer Zeit und Interesse hat, kann sich per Zoom zu dem Vortrag dazuschalten. Der Zugangslink und das Passwort kann per Mail an mtoplak [at] web.de bei mir angefragt werden.

– oder was können wir überhaupt über die Wikingerzeit wissen?

Bei Unterhaltungen mit Freunden, Bekannten oder anderen Wikinger-Interessierten oder bei Diskussion im Internet fällt mir häufig auf, dass das tatsächlich vorhandene Fachwissen zur Wikingerzeit weit überschätzt wird. Zwar haben wir mit der Archäologie eine enorme und stetig wachsende Menge an Funde, aber ebenso wie die Schriftquellen, die uns zur Erforschung der Wikingerzeit zur Verfügung stehen, bilden diese Funde immer nur Ausschnitte der historischen Realität ab und müssen genauso wie die Schriftquellen interpretiert werden. Und so sind auch noch nach fast 150 Jahren wissenschaftlicher Erforschung der Wikingerzeit noch immer viele Leerstellen in unserem Wissen vorhanden, bei denen wir entweder nur spekulieren können oder als Wissenschaftler schlicht auch einmal sagen müssen: "Das wissen wir derzeit noch nicht".

Ich habe daher einmal einen etwas längeren >>Text<< geschrieben, in dem ich die Quellen diskutiere, die uns für die Wikingerzeit vorliegen, was wir diesen Quellen entnehmen können und vor welche Probleme wir mit der Auswertung dieser Quellen gestellt werden.