Vor einigen Jahren wurde durch meinen sehr geschätzten Kollegen Sigmund Oehrl ein enorm ambitioniertes Projekt ins Leben gerufen: Das "Ancient Images 2.0"-Projekt sollte als Aktualisierung der inzwischen 80 Jahre alten Publikation der damals bekannten gotländischen Bildsteine durch Sune Lindqvist (Gotlands Bildsteine', 1941/1942) eine digitale Edition schaffen, die alle existierenden Informationen zu dem stetig gewachsenen Korpus dieser extrem faszinierenden Quellengattung zusammen führt. Diese Datenbank mit dem Namen "Gotlandic Picture Stones" ist nun seit einigen Monaten online und erlaubt es Wissenschaftlern wie interessierten Laien, die Welt der gotländischen Bildsteine online zu erforschen. Ich hatte das Vergnügen, die Beiträge zu den Bildsteinen des Gräberfeldes von Havor, Hablingbo sn, beizusteuern, die ich im Rahmen meiner Monographie zu diesem Platz bereits intensiv bearbeitet hatte.
Schlagwort: Wikinger
Neue Erkenntnisse zu den Schlachten von Stamford Bridge und Hastings
Einer der Schlüsselmomente englischer Geschichte ist sicherlich der Herbst des Jahres 1066 mit den beiden Schlachten von Stamford Bridge und Hastings.
Am 25. September 1066 gelang es dem frisch gekrönten englischen König Harold Godwinson bei der Schlacht von Stamford Bridge noch, ein im nordöstlichen England gelandetes norwegisches Heer unter König Harald Harðráði zurückzuschlagen. Damit beendete Harold endgültig das Kapitel der skandinavischen Herrscher auf dem englischen Thron, das mit der Eroberung Englands durch den dänischen König Sven Gabelbart im Jahr 1013 begonnen hatte. Nur wenige Wochen später – am 14. Oktober desselben Jahres – mussten Harold und seine Truppen sich bei der Schlacht von Hastings einer zweiten Invasionsstreitmacht stellen, diesmal an der Südküste Englands. Der normannische Herzog Wilhelm, später versehen mit dem Beinamen „der Eroberer“, hatte mit seiner Flotte den Ärmelkanal überquert und war in East Sussex gelandet. Mehrere Faktoren sollen zur Niederlage der Engländer unter Harold Godwinson und der folgenden Eroberung Englands durch die Normannen geführt haben: Ein durch die Schlacht von Stamford Bridge stark dezimiertes Heer der Engländer, militärstrategische Fehler und nicht zuletzt auch die Strapazen eines Gewaltmarsches von der Nordostküste in den Süden innerhalb weniger Wochen.
Neue Forschungen haben nun allerdings zumindest einen dieser Faktoren als Mythos entlarvt: Lange Zeit war – ausgehend von einer missverständlichen Passage in der Anglo-Saxon Chronicle – angenommen worden, dass König Harold Godwinson sein Flottenaufgebot bereits vor der Schlacht von Stamford Bridge aufgelöst hatte und daher gezwungen war, mit seinem Heer den Gewaltmarsch über 300 Km von Stamford nach Hastings zu Fuß zu unternehmen. Eine kritische Auswertung der Quellen zeigte nun jedoch, dass Harold seine Flotte mitnichten auflöste, sondern nur verlegte und seine Schiffe so durchaus für einen effektiven Truppentransport nutzen konnte.
Die neuen Erkenntnisse zu den turbulenten Wochen im September und Oktober 1066 verändern sicher nicht den Lauf der Weltgeschichte; sie zeigen aber, dass Harold bei weitem nicht der vom Schicksal getriebenen, militärisch unerfahrene Heerführer und überforderte Herrscher war, als der er seit der Viktorianischen Zeit oftmals dargestellt wurde.
Größter bislang bekannter wikingerzeitlicher Münzschatz in Norwegen entdeckt
Bei Rena in der norwegischen Fylke Innlandet, nahe der schwedischen Grenze, wurde Anfang April der bislang größte wikingerzeitliche Münzhort des Landes mit 2.970 Münzen entdeckt. Zwei private Sondengänger hatten auf einem Acker zwei Dutzend Münzen gefunden und darauf hin die lokalen Denkmalschutzbehörden informiert, die den Hort sachgemäß bargen.

Der Großteil der Münzen stammt aus der späten Wikingerzeit, etwa vom Ende des 10. Jh. bis in die Mitte des 11. Jh., und es handelt sich zumeist um englische und deutsche Prägungen, vor allem des englischen Königs Æthelred und des sächsisch-ottonischen Kaisers Otto III. Daneben enthielt der Hort auch dänische Münzen aus der Regierungszeit von Knut dem Großen sowie frühe norwegische Prägungen von König Harald Harðráði.
Die Zusammensetzung des Hortes verrät viel über die ökonomischen Beziehungen der Region in der späten Wikingerzeit, die – im Innenland weit abseits der Küste gelegen – wirtschaftlich hauptsächlich vom Eisenerzabbau anhängig war.
Neues Massengrab in England als Hinweis auf das St.-Brice’s-Day-Massacre?
In Wandlebury Country Park am Stadtrand von Cambridge wurde ihm Rahmen einer Lehrgrabung des Institutes für Archäologie der Universität Cambridge ein Massengrab freigelegt, in dem die Überreste von mindestens zehn Männern verscharrt worden waren. Die Skelette fanden sich nicht mehr in anatomischer Ordnung, teilweise fehlten die Schädel und viele Knochen wiesen Zeichen massiver Gewaltanwendung auf, darunter auch Hinweise auf Enthauptungen. Bislang liegen nur vorläufige naturwissenschaftliche Analysen vor, die darauf hindeuten, dass das Massengrab in das 9. oder 10. Jahrhundert zu datieren ist.
Auch wenn Massengräber in Folge von Schlachten oder auch institutionellen Hinrichtungen nicht unüblich sind, lassen solche Befunde im spätwikingerzeitlichen England immer zuerst an das berühmte St.-Brice’s-Day-Massacre denken. Im Jahr 1002 soll der angelsächsische König Æthelred aus Angst vor einem Aufstand befohlen haben, alle in seinem Reich lebenden Dänen töten zu lassen. Wie weit dieser Befehl tatsächlich umgesetzt wurde und ob es zu mehr als einzelnen Übergriffen kam, ist bis heute allerdings unklar. Allerdings sind inzwischen einige Massengräber bekannt, die theoretisch durchaus im Kontext des St.-Brice’s-Day-Massacre stehen könnten, so z. B. das bekannte Massengrab von Weymouth, das Massengrab aus Oxford oder nun eben der neue Befund aus Cambridge.
Wikinger-Kurzfilm „The Last Viking“ bei Youtube
Per Zufall stolperte ich über einen extrem sehenswerten Wikinger-Kurzfilm bei Youtube, den ich allen Wikinger-Interessierten unbedingt ans Herz legen möchte.
"The Last Viking" ist schon einige Jahre älter und stellt ein Kammerspiel zwischen dem norwegischen König Haraldr Sigurðarson harðráði - dem "letzten Wikingerkönig" und Odin höchstpersönlich dar. In einem schauspielerisch brilliant vorgetragenen fesselnden Monolog im Stile der Werke Shakespeares erzählt König Haraldr von seinem Leben, seinen Taten und Reisen und nicht zuletzt auch von seinem Tod in der Schlacht von Stamford Bridge 1066, bevor sein stiller Zuhörer ihn persönlich ins Jenseits geleitet. Die Handlung des Filmes ist überschaubar (und über ein paar der Requisiten muss man geflissentlich hinwegsehen), aber dennoch vermag er durch die so eindrucksvoll dargebrachte Lebensgeschichte Haralds zu fesseln; durch die Dramatik der Worte und die Atmosphäre vermittelt er einen Eindruck davon, was es bedeutet haben mag, in der Wikingerzeit dem ewigen Kampf ums Überleben ausgesetzt gewesen zu sein, abseits der Hochglanzromantisierung in den sonst üblichen Medien.
Reportage zu 40 Jahren Wikinger Museum Haithabu
Am 1. November wurde das Wikinger Museum Haithabu 40 Jahre alt. Diesen Geburtstag haben wir nicht nur bei der jährlichen Herbstmesse am letzten Oktoberwochenende im Museum gefeiert, nun erschien eine Würdigung auch noch mit einer Reportage im 'Schleswig-Holstein Magazin' am 30.11.2025. Diese Reportage ist sicherlich einzigartig, da in ihr drei Generationen des Museums zu Wort kommen; Kurt Schietzel, Ausgräber von Haithabu und Gründer des Museums, Ute Drews, die das Museum in ihren 30 Jahren als Leiterin zu diesem erfolgreichen Vorzeigemuseum gemacht hat, und ich als aktueller Leiter.
Gastvorlesung zur Kiewer Rus an der CAU am kommenden Montag
Am kommenden Montag, dem 10.11.2025, darf ich an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Rahmen der Ringvorlesung "Der Norden und der Osten: Sprache, Literatur und Kultur im nördlichen Ostseeraum" eine Gastvorlesung zu dem Thema "Í austrvegi. Birka, Byzanz und die Ethnogenese der Kiewer Rus" halten.
Der Vortrag beginnt um 18 Uhr und findet hybrid im Audimax, Hörsaal K, Christian-Albrechts-Platz 2 in Kiel statt; eine Online-Teilnahme ist mittels Anmeldung per Mail >hier< möglich.
Ernährung in der Wikingerzeit – Was aßen die Menschen in Haithabu?
Die richtige Ernährung liegt voll im Trend; viele Menschen kaufen gezielt ökologische, regionale und nachhaltige Lebensmittel, ernähren sich vegetarisch oder vegan folgen einem der vielen anderen Ernährungstrends, die ein gesundes Leben versprechen. Aber wie war das in der Wikingerzeit? Was aßen die Menschen in Haithabu?
Anders als in den populären Darstellungen in den Medien kam Fleisch bei den meisten Menschen in der Wikingerzeit nur sehr selten auf den Tisch. Grundlage der Ernährung war Getreide, wie Gerste, Roggen und in Haithabu auch Hirse und sogar etwas Weizen, das man entweder als Brei aß oder aus dem man Fladenbrot buk. Daneben spielte in Haithabu ebenso wie in vermutlich allen küstennah gelegenen Siedlungen im Skandinavien der Wikingerzeit der Fischfang eine große Rolle. Schon der arabische Reisende Ibrahim ibn Yakub, der Mitte des 10. Jh. Haithabu besuchte, schrieb davon, dass die Menschen dort sich viel von Fisch ernährten. Die archäozoologischen Untersuchungen an den Tierresten aus Siedlung und Hafenbereich von Haithabu zeigen, dass Hering der häufigste Speisefisch war, gefolgt von Barsch, Hecht, Karpfen und Plattfischen. Auch wenn man Wildfrüchte sammelte, so wurde – zumindest in Haithabu – den archäozoologischen Befunden nach kaum zur Nahrungsversorgung gejagt. Knochen von Wildtieren wie Rothirsch, Reh, Wildschwein und Wildvögel waren in den Speiseabfällen selten. Neben Hühnern, die man sicherlich hauptsächlich wegen ihrer Eier und Federn hielt, wurde vor allem Schweine und Rinder für den Verzehr geschlachtet. Schafe und Ziegen hielt man in erster Linie wegen ihrer Milch und dem Fell bzw. Leder, gegessen wurden sie aber auch. Während Getreide und Rindfleisch aus dem Hinterland stammten, konnten Schweine, Hühner, Schafe und Ziegen auch im dicht besiedelten Haithabu gehalten werden. Einige Hausparzellen in Haithabu wiesen auf ihrer rückwärtigen Seite kleine unbebaute Bereiche auf, die man möglicherweise als kleine Gärten für die Selbstversorgung nutzte und in denen Pferdebohne, Lein und möglicherweise auch Rüben angebaut wurden.
Die letzte (?) Reise des Oseberg-Schiffes
Am 10. September begann die voraussichtlich letzte Reise des berühmten Oseberg-Schiffes. Nach mehr als zehn Jahren Planung wurde das vermutlich schönste und am besten erhaltene Wikingerschiff der Welt aus dem alten Vikingskipshuset auf Bygdøy, Oslo, in die neuen Räumlichkeiten des angeschlossenen neuen Vikingtidsmuseet transportiert. Ein Video des Umzuges im Zeitraffer findet Ihr >hier<. In dem Erweiterungsbau, der sich ringförmig an das alte, 1926 errichtete und fast wie eine Kirche wirkende Museumsgebäude anschließt, soll voraussichtlich 2027 die größte und modernste Ausstellung zur Wikingerzeit sowie ein eigenes Forschungszentrum eröffnet werden.

© UiO – Museum of Cultural History, University of Oslo (CfO0856A); CC BY-SA 4.0
Das alte Vikingskipshuset wurde 1926 auf Betreiben des – zu dem Zeitpunkt allerdings tragischerweise bereits verstorbenen – schwedischen Archäologen und Ausgräber des Oseberg-Schiffes, Gabriel Gustafson, errichtet. Mit dem Oseberg-Schiff, dem Gokstad-Schiff und dem kleineren Schiff von Tune beherbergte das Vikingskipshuset die drei am besten erhaltenen und berühmtesten Wikingerschiffe (>hier< könnt Ihr einen letzten virtuellen Rundgang um das Oseberg-Schiff in der alten Ausstellung machen). Mehr zu Gabriel Gustafson, dem tragischen Pionier der schwedischen und norwegischen Archäologie und der ersten Reise des Oseberg-Schiffes nach Bygdøy vor genau 99 Jahren findet Ihr >hier< und einen Artikel von mir zu den beiden Schiffsgräbern von Gokstad und Oseberg könnt Ihr >hier< lesen.
Das benachbarte Gokstad-Schiff soll Anfang November folgen.
Mehr zum neuen Vikingtidsmuseet findet Ihr auf der Webseite der Universitetet i Oslo.
Sprachgewirr in Haithabu – Welche Sprache(n) sprachen die Menschen der Wikingerzeit?
Im Laufe der Wikingerzeit etablierte sich von Skandinavien aus ein Handelsnetzwerk, das fast die gesamte damals bekannte Welt umspannte; vom äußersten Nordatlantik im Westen bis in die arabische Welt im Osten. Auf ihren Reisen kamen die Skandinavier so mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen in Kontakt. Nahezu ebenso faszinierend wie die enormen Distanzen, die sie mit ihren Schiffen für diese Handelsreisen zurücklegten, ist ihre Fähigkeit, sich über verschiedenste Sprachgrenzen hinweg mit den Menschen anderer Kulturen auszutauschen und Handel zu betreiben. Oftmals konnte man sich vermutlich ausreichend mit Gesten verständigen und manchmal mussten Dolmetscher hinzugezogen werden, die zumindest Bruchstücke der anderen Sprache verstanden. Sicherlich werden aber auch einige der skandinavischen Händler mehr als nur eine Sprache gesprochen haben.
Schon in Haithabu, an der Südgrenze der skandinavischen Welt, wird die Verständigung nicht immer einfach gewesen sein. Die Dänen sprachen dönsk tungu, die „dänische Zunge“, wie das Altnordische, die Sprache der Wikingerzeit, genannt wurde. Zwar gab es zwei große Dialektgruppen – das Altwestnordische, das in Norwegen und Island gesprochen wurde, und das Altostnordische, das in Dänemark und Schweden gesprochen wurde – aber die Menschen in Skandinavien konnten sich untereinander ohne große Schwierigkeiten verständigen. In Haithabu wird man aber ebenso auch verschiedenste althochdeutsche Dialekte der friesischen, fränkischen und sächsischen Händler gehört haben, die Mundarten der westslawischen Stämme, Altenglisch und möglicherweise auch Latein und Arabisch. In den Sommermonaten waren die Landungsbrücken im Hafen von Haithabu sicherlich erfüllt mit einem Stimmengewirr in den unterschiedlichsten Sprachen, das eher an eine moderne Metropole denken ließe, als an die kleine beschauliche Wikingersiedlung als die Haithabu heute erscheint.